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Aus der Region

Iraks Christen blicken in ungewisse Zukunft

Kirchen wollen sich politisch engagieren -Hoffnung auf ein gedeihliches Miteinander

Bagdad - Dunkle Wolken möglicher politischer und religiöser Konflikte ziehen am Himmel über Euphrat und Tigris auf. Vor allem die christliche Minderheit - sie macht etwa zwei Prozent der Bevölkerung des Irak aus - blickt verunsichert in die Zukunft. Die christlichen Bischöfe fürchten angesichts des internen Machtvakuums ein Erstarken extremer Kräfte.

Beinahe täglich demonstrieren Schiiten in den Städten für eine Selbstverwaltung und ein System, das ihnen politische Beteiligung ermöglicht. Unklar ist noch, ob und inwieweit die verschiedenen schiitischen Strömungen eine islamische Theokratie nach dem Vorbild des Nachbarlandes Iran errichten wollen. Die Kirchen könnten sich dann, so Beobachter, bald in einer betont islamischen Republik wiederfinden. Doch noch ist nichts entschieden oder gar verloren. "Amerikaner und Briten versuchen, alle Kräfte in eine Regierungsbildung einzubeziehen", erläutert der Koordinator von Caritas International, Karl Ammann, in einem Telefongespräch mit dieser Zeitung.

In diesen Tagen finden Wahlen für eine Provinzverwaltung in Mossul statt, zu der auch christliche Gruppierungen aufgerufen sind, Ausschüsse zu bilden und Wahlmänner zu benennen. "Einer der beiden Stellvertreter des künftigen Gouverneurs wird ein Christ sein", ist sich Karl Ammann sicher. Vor diesem Hintergrund ist auch die gemeinsame Erklärung der Patriarchen und Bischöfe der christlichen Kirchen im Irak zu sehen, in der sie die volle Gleichberechtigung der Christen in ihrem Land fordern. "Wir hoffen, dass das ganze irakische Volk, das eine lange von Niederlagen und Erfolgen gekennzeichnete Geschichte hinter sich hat, ohne Unterschiede der Religion oder der Rasse in Freiheit, Gerechtigkeit und im Respekt einer interreligiösen und multi-ethnischen Koexistenz leben kann", heißt es in der in Bagdad verabschiedeten Erklärung. Eine Hoffnung, für die der chaldäisch-katholische Erzbischof von Basra, Gabriel Kassab, gute Gründe sieht. In der Vergangenheit hätten zwischen der katholischen Minderheit und den Muslimen "sehr gute Beziehungen" geherrscht, erklärte er. Ein Grund dafür mag in der Tatsache liegen, dass Einrichtungen wie die der Caritas unter der Bevölkerung einen guten Ruf genießen. So haben christliche Schulen wesentlich dazu beigetraten, die Analphabetenquote von rund 40 Prozent zu senken.

In Bildung will der katholische Verband auch weiterhin investieren. "Caritas International ist zurzeit dabei zu prüfen, inwieweit man sich hier engagieren kann", so Karl Ammann. "Die Schulen sind geplündert, außer den vier Wänden ist praktisch nichts übriggeblieben. Sie brauchen nicht nur Bücher und andere Lehrmittel, sie benötigen auch Fenster und Türen."

Der Caritas-Koordinator verweist in diesem Zusammenhang noch auf einen anderen wichtigen Aspekt: "Der Ausbau der Schulen ist auch eine Art Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme für Schreiner, Tischler und andere Gewerke..."

Michael Dorndorf / kna

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 19 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 08.05.2003

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