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Bistum Magdeburg

Zeit, ein neues Leben vorzubereiten

Jährlich kommen 40 Frauen und ihre Kinder in das Caritas-Frauenhaus Ballenstedt

Im Wohnzimmer des Caritas-Frauen- und Kinderschutzhauses Ballenstedt: Schwester Christin Gödde, Birgit Bormann und Leiterin Jolanta Richter.

Ballenstedt (ep) -"Oft sind es massive Gewalterfahrungen, die Frauen und ihre Kinder zu uns kommen lassen", sagt Jolanta Richter. "Viele der Frauen haben Misshandlungen und Demütigungen erlebt und Angst vor ihren Männern. Bei uns erfahren sie und ihre Kinder Schutz und Unterstützung. Und sie werden zunächst einmal akzeptiert, wie sie sind."

Frau Richter leitet das Frauenund Kinderschutzhaus in Ballenstedt. Rund 40 Hilfe Suchende vor allem aus dem Landkreis Quedlinburg kommen jährlich in die Einrichtung, die im Herbst zehn Jahre besteht. Als einziges der 24 Frauenhäuser in Sachsen- Anhalt (fast jeder Landkreis hat ein Frauenhaus) befindet sich die Ballenstedter Einrichtung in Trägerschaft der Caritas. Acht Frauen und zehn Kinder finden hier gleichzeitig Platz. Die Hilfe Suchenden sind zwischen 18 und 77 Jahre alt. Sie stammen aus allen sozialen Schichten: Frauen, die Arbeit haben, in einer Umschulung stehen, die Arbeitslosenhilfe bekommen oder keine eigenen Einkünfte beziehen. Aber auch ganz junge Frauen, die nicht selten sexuellen Missbrauch und Gewalt erlebt haben, können per In-Obhut-Nahme in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt aufgenommen werden. Alle suchen ein Stück Sicherheit und Geborgenheit. Manchen schwebt von vornherein eine eigene Wohnung ohne ihren Partner vor.

"Viele Frauen verfügen über ein geringes Selbstwertgefühl und können nicht mit ihren Konflikten umgehen", sagt Schwester Christin Gödde von den Vorsehungsschwestern, die seit 1994 in der Einrichtung arbeitet. "Sie brauchen deshalb Zuwendung und Begleitung dabei, ihre schwierige Lage zu überwinden." Nicht selten wüssten die Frauen nicht, was ihnen finanziell zusteht. Oft fehlten ihnen Dokumente. "Wir gehen mit den Frauen notfalls mit Hilfe der Polizei in die bisherige Wohnung, um notwendige Dinge zu holen", sagt Frau Richter.

Im Zusammensein mit Frauen, die vergleichbare Erfahrungen gemacht haben, gelingt es den Hilfe Suchenden, ihre Situation einzuordnen und zunehmend zu bewältigen. Frau Richter: "Viele unserer Frauen müssen sich erst mal klar machen, dass sie als Mensch wer sind. Und dass sie aus ihrem Leben etwas machen können." Möglichkeit dazu bieten Einzelgespräche, aber auch der Austausch in der Gruppe. Gemeinsam gehen die Frauen einkaufen, gemeinsam wird die Hausarbeit erledigt, gekocht und gegessen.

"Manche Frauen wollen das Frauenhaus schnell wieder verlassen", sagt Sozialpädagin Richter. "Nach neun oder zehn Wochen sagen sie dann aber nicht selten: ,Gut, dass ich so lange hier war. Mir ist deutlich geworden, dass ich auch an mir selbst arbeiten muss.' Wenn eine Frau völlig am Boden war und mit dem Ziel vor Augen wieder das Haus verlässt, aus ihrer Gewaltbeziehung herauszukommen und einen neuen Weg einzuschlagen, hat ihr die Zeit hier etwas gebracht."

"Es gibt aber auch das andere", so die Leiterin weiter: "Dass Frauen zu uns kommen, weil sie zusammengeschlagen wurden, aber schon bald darauf wieder zurückgehen, weil sie glauben, ihr Mann kommt nicht allein zurecht. Das zu erleben, ist dann für uns ziemlich hart. Denn sie gehen ins eigene Elend zurück. Besser ist, zunächst eine Distanz zu schaffen und zu schauen: Tut der Mann auch etwas für die Verbesserung der Situation? Oder muss ich mich von ihm trennen?" Manchmal frage sie sich, wo die Frauen die Kraft hernehmen, neu anzufangen, sagt die Sozialpädagogin. Zugleich macht sie die Erfahrung: "Es lohnt sich für die Frauen, für eine Verbesserung ihrer Situation zu kämpfen, selbst wenn das nicht einfach ist: Denn oft müssten die Frauen mit allem brechen, brauchten völlig neue soziale Kontakte. Da kommt durchaus Angst vor dem allein Dastehen auf."

Zu den Aufgaben von Frau Richter, Schwester Christin und Mitarbeiterin Birgit Bormann gehört es auch, sich um Frauen zu kümmern, die das Haus wieder verlassen haben: Etwa, wenn es darum geht, zu Behörden zu gehen, den Haushalt einzurichten, Angelegenheiten zu klären. Drei bis vier Mal im Jahr findet in Ehemaligentreffen statt.

Viel zu tun also, doch ab Juni werden Frau Richter und Frau Bormann den Dienst allein versehen. Denn Schwester Christin geht in den Ruhestand. Und da das Land, das zu 70 Prozent die Personal- und Sachkosten trägt, auch in diesem Bereich die Mittel kürzt, wird es keine Nachfolgerin geben. (Die restlichen 30 Prozent der Kosten zahlen der Landkreis, die Caritas und die Frauen selbst.)

Infos: (03 94 83) 86 85
Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 19 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 08.05.2003

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