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Aus der Region

Gewalt in den Medien

Anmerkung aus Sicht von Familien

Kurt Herzberg: Eltern häufig allein gelassen und überfordert.

Wer mit Eltern über Anforderungen an die Erziehung inmitten der heutigen Gesellschaft spricht, wird sehr schnell zum Thema Medien gelangen. Für viele Eltern sind die Medien ein "Reizwort" angesichts des eigenen Erziehungsbemühens. Und noch mehr "reizt" es zum Widerspruch, wenn Probleme des Medienkonsums von Kindern und Jugendlichen mit dem Hinweis auf die Macht des Verbrauchers abgetan werden: "Wenn es keine Nachfrage gäbe, gäbe es auch kein Angebot." So einfach lässt sich das nicht abtun.

Das Fernsehen ist nur einer von vielen medialen Miterziehern. In atemberaubender Geschwindigkeit hat sich eine Angebotspalette auf Videos, als Computersoftware und vor allem im Internet entwickelt. Kinder und Jugendliche verbringen in der Regel mehr Zeit als ihre Eltern mit den neuen Medien. Gleichzeitig ist der Zugang zu gewaltverherrlichender Computersoftware und entsprechenden Internetangeboten in der Regel zu leicht. Eltern erleben sich nicht selten überfordert, wenn ihnen die "Überwachung" des Medienkonsums ihrer Kinder allein überlassen wird.

Problematisch wird es vor allem, wenn Kinder und Jugendliche zwar die technische Kompetenz zum "Erwerb" via Internet ...besitzen, ihre inhaltliche Kompetenz zum Gebrauch der Ware aber überfordert wird. Plötzlich wird die personale Nähe der Eltern, ihre der Lebenserfahrung entnommene Wertungskraft und Beurteilungskompetenz besonders wichtig.

Familie trägt nicht unwesentlich dazu bei, dass die gesehene und im Spiel erlebte virtuelle Gewalt nicht dazu führt, dass die Schwelle zur Anwendung realer Gewalt sinkt. Anders ausgedrückt: Die Medienwirkungsforschung spricht von Risikofaktoren, unter denen die Anwendung realer Gewalt durch Kinder und Jugendliche als Folge des Konsum von Mediengewalt wahrscheinlicher wird. Das Fehlen solider sozialer Bindungen ist ein Risikofaktor. Man kann also auch umgekehrt sagen, dass funktionierende soziale Strukturen in der Familie wie ein "sozialer Filter" wirken und Schlimmeres verhindern.

Gleichzeitig sind Eltern in der Einschätzung des Einflusses von medialer Gewalt auf Kinder und Jugendliche oft sehr verunsichert, weil es in der Öffentlichkeit keinen grundsätzlichen Konsens bei der Beurteilung des Einflusses medialer Gewaltdarstellungen gibt. Politik und Gesellschaft sowie der Medienbereich dürfen bei der Verantwortung für diese Entwicklung nicht nur aufeinander verweisen, sondern müssen sich gemeinsam der Problematik annehmen, und zwar durch einen besseren Jugendmedienschutz und durch die Stärkung von Medienkompetenz insbesondere von Eltern.

Im Bereich des gesetzlichen Jugendmedienschutzes brauchen wir medienübergreifend einheitliche und international wirksame Schutzstandards, eine effektive Aufsicht und spürbare Sanktionen, um Gewalt und anderen jugendgefährdenden Medieninhalten konsequent entgegentreten zu können. In der jüngsten Vergangenheit haben Bund und Länder wesentliche Schritte getan, um die Unübersichtlichkeit des Jugendmedienschutzes und die Zersplitterung der Aufsichtsstrukturen zu überwinden. Mit dem neuen Jugendschutzgesetz des Bundes und dem Jugendmedienschutz- Staatsvertrag werden auf nationaler Ebene Schutzstandards transparenter geregelt und hoffentlich auch effektiver durchgesetzt.

Drei Wünsche bleiben: Erstens ist es im Jugendschutzgesetz nicht gelungen, den Verleih schwer jugendgefährdender Medien gänzlich zu verbieten. Zweitens ist es nicht nachzuvollziehen, dass Eltern -als wesentliche Gruppe der Betroffenen -weder in der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien noch in der mit dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag neu geschaffenen Kommission für Jugendmedienschutz vertreten sind. Drittens muss -wenn Produktion und Vertrieb international sind -ein ef fektiver Jugendmedienschutz internationale Lösungen anstreben. Außerdem muss neben dem gesetzlichen Jugendschutz der erzieherische Jugendschutz zur Förderung der Medienkompetenz ausgebaut werden.

Dr. Kurt Herzberg, Familienbund der Deutschen Katholiken im Bistum Erfurt

Familienbund
Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 19 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 08.05.2003

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