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"Die Kamera zu bedienen, war fast eine Erleichterung"

Buchenwald: Ausstellung zeigt die ersten Fotos nach der Befreiung des Konzentrationslagers

'Glaubt es!': Der Vize-Direktor der Gedenkstätte Buchenwald, Rikola-Gunnar Lüttgenau, in der Ausstellung mit Fotos, die unmittelbar nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald entstanden.

Weimar -"Believe it! -Glaubt es!": So hieß der verzweifelte Appell der Fotografin Lee Miller an die amerikanischen Leser der Zeitschrift "Vogue". Mit der dramatischen Überschrift hatte die Kriegsreporterin im Juni 1945 einen ihrer Artikel über die Befreiung des Konzentrationslagers (KZ) Buchenwald überschrieben. Denn ihre Bilder aus dem KZ von Leichenbergen, sterbenden Kindern und lebenden Skeletten hinter Stacheldraht, wurden ihr in Übersee anfangs nicht geglaubt. Selbst in Amerika und England wurden die schockierenden Fotos öfters als Kriegspropaganda der Alliierten abgetan.

58 Jahre danach sind diese Dokumente des Grauens in der Ausstellung "Schwarz auf Weiß -die ersten Fotos aus dem befreiten KZ Buchenwald" in der ehemaligen Desinfektionsbaracke der Gedenkstätte zu sehen. Daneben erinnern etwa 100 weitere schockierende Fotos aus der Zeit kurz nach dem 11. April 1945 an die ersten zwei Wochen nach der Befreiung des Lagers.

Vize-Direktor Rikola-Gunnar Lüttgenau (36): "Viele dieser Fotos sind zu Symbolen der NS-Verbrechen geworden. Sie prägen unsere Vorstellung der nationalsozialistischen Gräueltaten bis heute. Fast die Hälfte der über 100 Aufnahmen wurden aber noch nie öffentlich gezeigt." Bis zum 11. April 1945, dem Tag als das KZ Buchenwald befreit wurde, waren die Verbrechen der Nationalsozialisten noch ohne Bilder und damit gesichtslos gewesen. Allein auf dem Ettersberg starben von den 250 000 Häftlingen aus ganz Europa zwischen 1937 und 1945 mehr als 56 000. Es gab von den deutschen Lagern lediglich Luftbildaufnahmen. Das Grauen selbst aber, hatte noch kein Gesicht bekommen.

Buchenwald war das erste Lager, das nicht von der SS geräumt worden war, als die Soldaten der US-Armee es befreiten. Für sie waren die Bilder ein Schock, der die heute noch Lebenden nachts im Traum einholt.

Jay Martin Hamilton (81) war jetzt einer der ersten Besucher der Ausstellung. Der ehemalige Berufssoldat kam damals -am 11. April 1945 -als Leutnant der 76. Infanterie-Division nach Buchenwald. "Wir rückten über Hottelstedt nach Buchenwald vor. Wir rochen das KZ schon Kilometer vorher. Der Gestank war fürchterlich. Er kroch in die Kleidung, hing tagelang in unseren Klamotten. Es war der schwärzeste Tag meines Lebens." Bereits drei Tage nach der Befreiung erreichten dann die ersten Fotografen der Amerikaner das Lager und begannen damit, die grauenhaften Zustände mit Fotoapparaten zu dokumentieren. Aber auch gerade befreite Häftlinge und zivile Journalisten machten Fotos.

Die erste Aufnahme trägt die Nummer 203559 und zeigt den Appellplatz in den Morgenstunden des 14. April 1945. Kriegsfotograf Walter Chichersky vom US-Signal Corps, der 166th Signal Photo-Company machte die Momentaufnahme von der Balustrade des Lagertors.

Viele der Bilder, die in den ein, zwei Wochen nach der Befreiung gemacht wurden, verschwanden in den Archiven der zuständigen Behörden. Einige US-Soldaten entwickelten jahrzehntelang ihre Privatfilme nicht, da sie nicht mehr an das Trauma, das sie in Buchenwald erlitten hatten, erinnert werden wollten. Andere Bilder gingen um die Welt. Sie zerstörten die Skepsis über angebliche Gräuelpropaganda der Alliierten. Rikola-Gunnar Lüttgenau: "Aber das Wissen, von wem, mit welchem Hintergrund und mit welcher Absicht die Fotos gemacht worden waren, ging verloren. Wir haben die Bilder jetzt erstmals in ihren historischen Bezug gestellt."

Im Laufe der Jahre bildete sich ein Bilderkanon heraus, der immer wieder -zumeist in schlechten Reproduktionen -gezeigt wurde. So auch das bekannte Foto "The Living Dead of Buchenwald -Die lebenden Toten von Buchenwald", das im Großformat zu sehen ist: Ausgemergelte Häftlinge hinter Stacheldraht, die sich trotz der Nazi-Barbarei ihre Würde nicht nehmen ließen.

Das Bild stammt von der Kriegsberichterstatterin Margaret Bourke-White. Über ihre Ankunft in Buchenwald und den 16. April 1945 schrieb sie später: "Dieser Apriltag in Weimar hatte etwas Unwirkliches, ich fühlte etwas, woran ich mich hartnäckig festklammerte. Ich sagte mir ständig vor, ich würde erst dann an das unbeschreiblich grässliche Bild in dem Hof vor mir glauben, wenn ich meine eigenen Photos zu sehen bekäme. Die Kamera zu bedienen, war fast eine Erleichterung, es entstand dann eine schwache Barriere zwischen mir und dem bleichen Entsetzen, das ich vor mir hatte."

Carsten Kießwetter

Die Ausstellung ist bis zum 30. April von 8.45 bis 17 Uhr und vom 1. Mai bis 28. September 2003 von 9.45 bis 18 Uhr geöffnet.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 18 des 5. Jahrgangs (im Jahr 200).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 02.05.2003

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