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Bistum Magdeburg

Oder haben Sie noch Hoffnung?

Soudad Al-Saiegh über den Krieg gegen ihre Heimat Irak und die Zeit danach

Sind aus dem Irak geflohen: Soudad Al-Saiegh und ihr Mann leben in Magdeburg. Wie es ihren Verwandten in Bagdad geht, wissen sie nicht.

Magdeburg -Der Fernseher läuft. Bilder des bisherigen stellvertretenden irakischen Ministerpräsidenten Tarik Asis, der von den Amerikaner gefangen genommen wurde, wechseln sich ab mit denen von Schiiten, die in Bagdad protestieren und den Abzug der Amerikaner fordern. Während wir uns unterhalten, blickt Dr. Soudad Al-Saiegh immer wieder einmal zum Fernseher. Vielleicht erfährt sie ja so etwas von ihren Verwandten.

Soudad Al-Saiegh lebt mit ihrem Mann und zwei erwachsenen Kindern in Magdeburg. Wie es den Angehörigen im Irak geht, weiß sie nicht. Die letzten Nachrichten sind über drei Wochen alt. Damals hieß es, dass mehrere Häuser der Großfamilie zerstört seien und zwei Angehörige verletzt wurden. Dann brach das Telefonnetz zusammen. Um neue Informationen zu erhalten, hofft Familie Al-Saiegh auf einen Freund aus Jordanien, der zurzeit mit dem LKW unterwegs nach Bagdad ist, und auf den arabische Fernsehsender Al Dschasira, der gelegentlich Grüße von Irakern an ihre Verwandten sendet.

Quälende Ungewissheit, die immer wieder einmal Tränen über Soudad Al-Saieghs Gesicht laufen lässt. Wie viele der rund 500 in Magdeburg lebenden Iraker hat sie in den letzten Wochen oft geweint: "Wir haben nicht gegessen. Wir haben nicht getrunken. Wir haben nicht geschlafen. Wir haben geweint!" Was sollte sie auch anderes tun angesichts der Bilder von den Bombenangriffen auf Bagdad, der Bilder von getöteten Menschen oder Kindern mit Schussverletzungen, die nicht operiert werden können, weil es keine funktionierenden Krankenhäuser mehr gibt?

Vor zweieinhalb Jahren ist Soudad Al-Saiegh mit ihrer Familie aus dem Irak geflohen. Die Journalistin war in den 80er Jahren die erste weibliche Professorin an der Bagdader Universität. Und ihr Mann war ein bekannter Dokumentar- und Spielfilm-Regisseur. Als er sich öffentlich gegen den Überfall des Irak auf Kuwait äußerte, nahmen die Repressionen gegen die Familie zu. Als ihnen schließlich mit dem Tod gedroht wurden, gelang mit Hilfe von Schleusern auf abenteuerlichen Wegen die Flucht nach Deutschland. Inzwischen ist das Asylverfahren erfolgreich abgeschlossen und die katholische Christin Soudad Al-Saiegh engagiert sich jetzt bei der Caritas für andere Flüchtlinge.

"Tut alles, um Saddam Hussein zu entmachten", hatte Soudad Al-Saiegh immer wieder gefordert. "Aber bitte keinen Krieg!" Aus den Erfahrungen mit den ersten Golfkrieg, den sie in Bagdad erlebt hat, weiß sie: Die Leidtragenden sind nur die einfachen Menschen. Auch heute noch ist Soudad Al-Saiegh überzeugt: Der Krieg war nicht nötig. "Die Amerikaner hätten Saddam Hussein mit Spezialkommandos rausgeholen können -und fertig. Aber das wollten sie nicht." Statt dessen meint Soudad Al-Saiegh sogar, dass die Amerikaner Hussein an der Macht gehalten haben. "Amerika hat drei Interessen: die Kontrolle der Ölquellen, die Veränderung der politischen arabischen Landkarte zu seinen Gunsten und den Test seiner neuen Waffen. Um diese Ziele erreichen zu können, mussten sie Krieg führen." Und wenn Soudad Al-Saiegh jetzt im Fernsehen amerikanische Soldaten sieht, die kleine Glasfläschchen mit Erdöl aus Basra als Souvenir mit nach Hause nehmen -ist das für sie fast so etwas wie ein Beweis. "Und auch die am Anfang so viel beschworenen im Irak vermuteten Massenvernichtungswaffen spielen ja keine Rolle mehr."

Hat Soudad Al-Saiegh Hoffnung für ihr Land? Nein, sagt sie. Eine amerikanische Fremdherrschaft kann sie nicht akzeptieren. Genausowenig einen Exil-Iraker, der schon Jahrzehnte in den USA oder Großbritannien gelebt hat. Aber: Wenn die Amerikaner weg sind, wird es den Irak auch nicht mehr geben, weil dann jede Gruppe ihr eigenes Süppchen kochen wird. "Das Land ist zerstört. Die Menschen sind kaputt durch den Krieg und seine Folgen. Wer soll dieses Land wieder aufbauen?", fragt sie. Dann blickt sie mich einen Augenblick an und fragt: "Oder haben Sie noch Hoffnung?"

Matthias Holluba

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 18 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 02.05.2003

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