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Lieber mehr Zeit oder mehr Geld ?

Ökumenisches Netzwerk "Christen streiten für gerechtere Verteilung von Erwerbsarbeit" gegründet

Dresden -Dass es in Deutschland in absehbarer Zeit deutlich weniger Arbeitslose geben könnte, diese Hoffnung hat Werner Schmiedecke nicht aufgegeben. Allerdings verbindet er sie nicht mit der Erwartung eines stärkeren Wirtschaftswachstums, sondern "schlicht und einfach mit einer gerechteren Verteilung von Arbeit", sagt der Dresdner. Dieses Thema wird aus seiner Sicht in Deutschland viel zu wenig beachtet. Das will Schmiedecke ändern.

Er ist evangelischer Christ und hat sich deshalb mit seinem Anliegen an die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gewendet, aber -als Mitglied der Katholischen Arbeitnehmer- Bewegung (KAB) -auch an Verantwortliche in der katholischen Kirche. Bisher hatte er wenig Erfolg -beispielsweise bei der Diskussion des Sozialwortes der Kirchen. Jetzt unternimmt er mit anderen Christen und Nichtchristen einen neuen Versuch. Anfang März haben sie in Moritzburg ein bundesweites ökumenisches Netzwerk "Christen streiten für gerechtere Verteilung von Erwerbsarbeit" gegründet.

"Wir wollen zunächst in die Kirchen hineinwirken. Wenn die Kirchen ihren prophetischen Auftrag für gerechtere gesellschaftliche Verhältnisse und ihre Option für die Armen wahrnehmen wollen, müssen sie das Thema mehr beachten." Das Sozialwort setze zu stark auf Wirtschaftswachstum und Konkurrenzfähigkeit. Erst danach werde das Teilen von Arbeit als Weg aus der Arbeitslosigkeit genannt und gleich wieder relativiert, lautet Schmiedeckes Kritik. Deshalb hofft er, dass das ursprüngliche Vorhaben wieder aufgegriffen und das Sozialwort fortgeschrieben wird. "Man könnte mit dem Kapitel Arbeitslosigkeit anfangen."

Den großen Vorteil des "Teilens von Arbeit" als Mittel gegen die Arbeitslosigkeit sieht Schmiedecke darin, dass es sich um "einen kooperativen Weg" handele. Alle anderen Wege seinen "konkurrierend" und funktionierten häufig nur, "wenn die Konkurrenz schläft -was sie ja bekanntlich nicht tut".

Warum aber setzt Deutschland mit über viereinhalb Millionen Arbeitslosen nicht stärker auf das Teilen von Arbeit? Schmiedecke sieht Widerstände im Arbeitgeberlager. Hohe Arbeitslosigkeit ermögliche ihnen eine größere Auswahl auf dem Markt der Arbeitnehmer und niedrigere Löhne. Deshalb geht der Appell an den Gesetzgeber: Er müsse die Rahmenbedingungen schaffen. So sei eine Frage, ob die gesetzlich festgelegten maximal acht Arbeitsstunden aus Sicht des Gemeinwohls heute noch ein optimaler Wert sind. Immerhin belaste jeder Arbeitslose die Gesellschaft mit 20 000 Euro im Jahr. "Die Kosten, die für die Sicherheit der Demokratie entstehen, lassen sich gar nicht berechnen." Nötig seien auch mehr Anreize für Teilzeitarbeit und die Einführung einer Grundsicherung, damit es im Rentenalter nicht zu Nachteilen kommt.

Vorurteile müssten aber auch bei den Arbeitnehmern abgebaut werden. Notwendig sei sachliche Information -etwa über eine Studie, nach der eine nur zehnprozentige Arbeitszeitverkürzung 1995 in den alten Bundesländern die Arbeitlosenzahl auf fast Null abgesenkt hätte. Das Nettoeinkommen wäre -wegen der geringeren Sozialabgaben -nicht um zehn, sondern um höchstens fünf Prozent gesunken. "Und die 20 000 Euro pro Arbeitslosen würden auch eingespart." Beim Teilen von Arbeit geht es aber auch um die Werte, die im Leben zählen, sagt Schmiedecke: "Will ich nur Geldwohlstand? Oder ist mir auch Zeitwohlstand wichtig, der mir ermöglicht, mehr für die Familie da zu sein?"

Das Netzwerk will jetzt zum ersten Mal beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin auf seine Anliegen aufmerksam machen -an den Ständen der KAB und der KDA (Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt). "Was wir erreichen, weiß ich heute noch nicht", sagt Schmiedecke. "Wir gehen einen Weg, den wir erst beurteilen können, wenn wir ihn gegangen sind." Werner Schmiedecke aber muss ihn gehen, weil das Eintreten für mehr Gerechtigkeit für ihn aus seinem Glauben folgt: "Unser Gott ist einer, der Freude an Gerechtigkeit hat."

Matthias Holluba

Kontakt: Werner Schmiedecke, Schillerstr. 23, 01326 Dresden; Tel. (03 51) 2 68 63 15.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 18 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 02.05.2003

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