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Aus der Region

Kirche nur noch im Rheinland gewünscht?

Diözesen in den neuen Bundesländern haben erhebliche Geldsorgen

Berlin - Die Finanzsorgen des Erzbistums Berlin sorgen bundesweit für Schlagzeilen. Aber auch die anderen ostdeutschen katholischen Bistümer stehen finanziell noch lange nicht auf eigenen Füßen. Dresden-Meißen und Görlitz haben jetzt strikte Sparmaßnahmen verfügt. Und der Generalvikar des Bistums Magdeburg, Reinhold Pfafferodt, äußerte am Dienstag im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur die Sorge, dass die Finanzhilfen des Verbands der Diözesen Deutschlands (VDD) "nicht so wie bisher bestehen bleiben werden". Tatsache ist, dass die katholische Minderheit im Osten in den vergangenen Jahrzehnten immer von Zuschüssen aus dem Westen abhängig war. Zu DDR-Zeiten vermittelte die Berliner Hauptvertretung des Deutschen Caritasverbands unter anderem Geräte und Ersatzteile an kirchliche Einrichtungen in der DDR, sie organisierte Neubauten und trug durch Rohstofflieferungen zur Finanzierung kirchlicher Vorhaben bei. Selbst der katholische Benno-Verlag in Leipzig konnte seine Bücher und Kirchenzeitungen nur mit Hilfe von Papierspenden aus dem Westen produzieren.

Steueraufkommen stagniert seit 1995

Mit der deutschen Einheit kam auch das Kirchensteuersystem in den Osten. Zugleich erhöhten sich jedoch die Personalkosten um ein Vielfaches, und es bestand ein großer Nachholbedarf bei der Sanierung und dem Neubau von Gebäuden. Während im Westen die Kirchensteuer die wichtigste Finanzierungsquelle der Bistümer ist, liegt deren Anteil an den Etats der Ost-Diözesen nur zwischen 20 und 30 Prozent. Zunächst stieg das Aufkommen in der "Region Ost" nach der Vereinigung von 22,8 Millionen Mark 1991 auf 116 Millionen Mark 1995 stark an, doch seither stagniert es. Im Jahr 2001, für das die Abrechnungen nun vorliegen, kamen nach VDD-Angaben zwar 141 Millionen Mark zusammen -davon entfallen aber allein 46 Millionen Mark auf den "Ostteil" des Erzbistums Berlin; dieser fällt auf Grund mehrerer untypischer Entwicklungen der Hauptstadt aus dem Rahmen.

Die Tendenz in den übrigen Gebieten ist fallend. Neben der hohen Arbeitslosigkeit wirkt sich dabei vor allem die Abwanderung junger Menschen nach Westen aus. Die Zahl der Katholiken sank von einer geschätzten Million in der Endzeit der DDR auf nun unter 800 000 und nimmt trotz der Zuzüge in Berlin per Saldo ab. Die wichtigste Finanzierungsquelle ist nach wie vor die "Sonderumlage Ost" des VDD, die allerdings als Anschubfinanzierung gedacht war und seit Mitte der 90er Jahre - damals betrug sie 240 Millionen Mark - schrittweise abgebaut wird. 2001 lag sie noch bei 170 Millionen Mark, 2002 entsprechend bei 86,4 Millionen Euro. Weitere Zuschüsse zahlt das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken, das vor allem Baumaßnahmen ermöglicht.

Sparen allein führt nicht mehr aus der Misere

Auf Grund der "enger werdenden finanziellen Spielräume" dekretierte der Dresdner Bischof Joachim Reinelt im März einen Investitions- und Einstellungsstopp. Neuinvestitionen werden laut Kirchlichem Amtsblatt "grundsätzlich nicht mehr genehmigt". Dies gelte auch für die Errichtung oder Übernahme von Kindergärten, Schulen und Horten. Ebenso wird die Schaffung neuer Stellen im Bischöflichen Ordinariat sowie den Pfarreien und Einrichtungen untersagt, bei der Nachbesetzung frei gewordener Stellen wird eine "eingehende Notwendigkeitsüberprüfung" verordnet. Ähnlich formulierte der Görlitzer Generalvikar Hubertus Zomack im Amtsblatt seines Bistums: Ersatzanstellungen bedürfen demnach "einer neuen Beschlussfassung", neue Stellen werden "in der Regel nicht mehr genehmigt", für alle noch nicht begonnenen Bauvorhaben, die bereits genehmigt sind, "wird ein Baustopp verhängt". Neubauten werden "in der Regel nicht mehr genehmigt".

Doch Sparen allein wird langfristig nicht aus der Misere führen. Ohne dauerhafte Unterstützung, so Pfafferodt, sei die Kirche in der ostdeutschen Diaspora nicht überlebensfähig. Der Magdeburger Generalvikar wörtlich: "Zugespitzt lautet die Frage: Wollen wir, dass es die katholische Kirche künftig nur noch im Rheinland und einigen anderen Regionen gibt, oder wollen wir, dass sie in ganz Deutschland existiert?" Der VDD müsse daher eine "grundsätzliche kirchenpolitische Entscheidung" treffen.

Norbert Zonker

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 17 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 27.04.2003

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