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Auf zwei Minuten

Zuschauer gibt es nicht

Wer mit Gott in Berührung kommt, muss die Rolle des unbeteiligten, neutralen Zuschauers aufgeben.

Pater Damian

Bei einem Krankenhausbesuch im Haftkrankenhaus stellte sich ein Mann vor: "Guten Tag, Herr Pfarrer! Ich bin Atheist." Im weiteren Gespräch erklärte er: "An einen Gott, der all das Schreckliche in der Welt zulässt und einfach aus der Ferne zuschaut, kann ich nicht glauben." Meine Antwort. "Ich auch nicht!"

Das Bild von einem Gott, der hoch oben über dem ganzen Welttheater thront und sich als das "höchste Wesen" in keiner Weise berühren lässt vom Geschick der Menschen, ist weit verbreitet. Der Gott Israels und der Gott, den Jesus uns nahe gebracht hat, ist anders. Seine Allmacht ist die Allmacht der Liebe. Liebe aber kann nur in einem Verhältnis der Freiheit verwirklicht werden: Freies Geschenk und freie Antwort. Da Menschen Gottes Liebe verweigern können, nicht antworten auf Gottes Werben, ist Liebe immer mit Schmerzen verbunden. Gottes Verhältnis zur Welt ist bestimmt durch den Schmerz seiner Liebe. "Der Schmerz Gottes ist der tiefste Hintergrund des geschichtlichen Jesus. Ohne diesen Hintergrund haben alle Lehren über Jesus keine Tiefe" (Kazah Kitamori). Jesu Hinrichtung auf Golgotha bezeugt den Schmerz Gottes. Beim Drama der Liebe Gottes, der uns in Jesus liebt "bis zum Tod am Kreuze", kann es keine bloßen Zuschauer geben. Auch wenn es heißt: "Einige Frauen sahen von weitem zu" (Mk 15,40), so waren sie doch Betroffene, Mitleidende und andere waren Beteiligte, Akteure. "Den Zuschauer Gott gibt es so wenig wie den Zuschauer Gottes" (Kurt Marti).

Gott fragt: Wo seid ihr? Warum tut ihr nichts?

Bei der Auferstehung Jesu und seinen Erscheinungen gibt es dann keine Zuschauer im theatralischen Sinn, sondern Zeugen, die einen Auftrag erhalten. Wer mit Gott in Berührung kommt, muss die Rolle des unbeteiligten, neutralen Zuschauers aufgeben. Gilt dasselbe nicht auch in unserem Verhältnis zu den Mitmenschen? Kurt Marti schlägt vor: "Ein christlicher Wand- und Warnspruch in Zuschauerräumen und Theaterfoyers, als Kleber auch für Fernsehapparate zu empfehlen, müsste lauten: Zuschauer gibt es nicht."

Der 18-jährige Thomas Lange aus Lobstädt fragte in einem Gedicht: "Wo ist Gott? Wo war Gott?" Die letzten Zeilen lauten: "Die Menschen fragen: ,Wo ist Gott, warum tut er nichts, wie kann er dieses schreckliche Unrecht zulassen?!' Gott fragt: ,Wo seid ihr, warum tut ihr nichts, wie könnt ihr dieses schreckliche Unrecht zulassen?!'"

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 17 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 27.04.2003

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