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Erst die Kanzel, dann die Kirche getauscht

In der Harzstadt Thale gibt es seit vielen Jahren gute ökumenische Kontakte

Thale -Vor zwei Jahren tauschten sie zum Predigen die Kanzeln. Im letzten Jahr tauschten in der Harzstadt Thale die evangelische Pastorin Ursula Meckel und ihr katholischer Amtsbruder, Pfarrer Wolfgang Janotta, gleich die kompletten Kirchen. Die musikalische Vesper am Reformationstag fand in der katholischen Herz-Jesu-Kirche statt und zum gemeinsamen Abendbrot aus Anlass des evangelischen Feiertages wurde in das katholische Gemeindehaus eingeladen. Die heilige Messe zu Allerheiligen am Tag darauf wurde in der evangelischen Petrikirche gefeiert. An beiden Tagen und Orten predigten Meckel und Janotta gemeinsam. Die Aktionen der beiden Pfarrer machten Schlagzeilen und die Stimmen dazu aus den Gemeinden klangen überwiegend positiv.

Für die beiden Hauptakteure sind sie die Fortsetzung eines langen Prozesses der Zusammenarbeit, die mit Musik begann. "Als ich 1977 hierher kam", erinnert sich Ursula Meckel, "hat der evangelische Posaunenchor zum katholischen Fronleichnamsfest gespielt -gegen ein Honorar." Sie habe das mit dem Geld sofort abgestellt. "Wir spielen in einem Gottesdienst und das lassen wir uns nicht bezahlen", lautete ihr Entschluss. Einladungen zu Festen in die katholische Gemeinde folgten daraufhin.

Gastfreundschaft schon bei der Amtseinführung

Als Wolfgang Janotta 1991 seinen Dienst in Thale antrat, lernte er die Protestanten des Ortes gleich als Gastgeber kennen. Da die Herz-Jesu-Kirche damals eine Baustelle war, wurde er in der evangelischen Petrikirche in sein Amt eingeführt. Gute Kontakte zu Vertretern der anderen Konfession gehörten da schon längst zu seinem Leben. Zum Beispiel die aus seiner Amtszeit in Bornum bei Zerbst ab dem Ende der 60er Jahre. Damals hatte er für fünf Jahre mit dem evangelischen Ortspfarrer problemlos und freundschaftlich im selben Haus gewohnt. Ein kleines Klingelschild aus schwarz-weißem Kunststoff, das heute in seinem Wohnhaus in Thale hängt, erinnert ihn an diese Zeit. Trotzdem: "Die Abgrenzung war früher beiderseitig", fasst der 67- Jährige, der 1966 zum Priester geweiht wurde, Erfahrungen aus seinem Leben zusammen.

Inzwischen seien evangelische und katholische Christen aufeinander zugegangen. "Wenn wir bestehen wollen, müssen wir an einem Strang ziehen", betont Pfarrer Janotta nicht zuletzt mit Blick auf die geringer werdende Zahl der Kirchenmitgliedern. Etwa 800 Katholiken gehören zum Pfarramt Thale, zu dem noch die Orte Warnstedt, Neinstedt, Stecklenberg und Friedrichsbrunn gehören. Die evangelische Kirchengemeinde Thale und Warnstedt zählt rund 1100 Gemeindeglieder.

"Berührungsängste, wie sie noch vor 20 Jahren bestanden, haben sich gegeben", stellt auch Ursula Meckel fest. Das zeigt sich zum Beispiel im Gemeindeleben, wo der evangelische Kirchenmusiker die katholische Schola leitet, die wiederum in den evangelischen Gottesdiensten singt. Auch Sommerfeste werden gemeinsam gefeiert. Dennoch wissen beide, dass es noch Trennendes gibt -zum Beispiel das Abendmahl. "Das werden wir auch nicht unterlaufen", sagt die Pastorin.

Beide haben seit Monaten in ihren Gemeinden für den Ökumenischen Kirchentag geworben. "Ich bin traurig darüber, wie wenig Resonanz es gerade bei der Generation im mittleren Alter bisher auf den Kirchentag gibt", sagt Ursula Meckel, die als Mitarbeiterin im Pressebüro in Berlin die ganze Zeit dabei sein wird. Auch Wolfgang Janotta will hinfahren, wenn auch nicht an allen fünf Tagen. Und ganz ohne weitere evangelische und katholische Christen aus Thale wird auch dieser Kirchentag nicht vorübergehen. Immerhin haben sich 17 junge Leute aus beiden Gemeinden als Helfer angemeldet und auch die ökumenische Jugendband macht mit.

Angela Stoye, Redakteurin der evangelischen Wochenzeitung "Die Kirche" Magdeburg

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 17 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 27.04.2003

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