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Bistum Magdeburg

"Zuflucht im Gefangenenalltag"

Leipziger Dominikanerin Schwester Magdalena kümmert sich um junge Häftlinge in Raßnitz

Vor dem neuen Mutter-Gottes-Bild in der Gefängniskirche: Schwester Magdalena und Michael Schumacher mit Häftlingen (von links).

Raßnitz (ep) -"Die Schwester gibt einem das Gefühl, das sie an einen glaubt", sagt einer der jungen Häftlinge. "Ich gehe zu ihr, um mit ihr über Dinge zu reden, über die ich in der Wohngruppe nicht sprechen kann", meint ein anderer. Und: "Die Schwester hört besser zu."

Schwester Magdalena Schulting wird von so manchem Häftling in der Jugendanstalt Raßnitz sehr geschätzt. "Die jungen Häftlinge hier sagen schon mal, dass ich wie ihre Mutter bin", so die Ordensfrau aus dem Dominikanerinnen- und Dominikanerkloster St. Albert in Leipzig-Wahren.

Gesprächspartnerin und Begleiterin der Häftlinge

Schwester Magdalena geht regelmäßig in die Wohngruppen und besucht die Häftlinge auch in den Ausbildungswerkstätten. Immer wieder bekommt sie von den Mitarbeitern den Hinweis, doch mal mit diesem oder jenem Häftling, dem es nicht gut gehe, zu sprechen. Aber auch manche Bedienstete selbst suchen den Kontakt mit ihr, wie sie sagt. Als Gefängnisseelsorgerin ist sie wie Pfarrerin Gabriele Sommer -ihre evangelische Kollegin -Ansprechpartnerin für die Häftlinge und die Angestellten.

Die erst im Herbst vergangenen Jahres bezogene neue Jugendanstalt Raßnitz in der Nähe von Schkeuditz ist das einzige Jugendgefängnis Sachsen-Anhalts. Hier sind bis zu 398 junge Männer im Alter ab 14 Jahren eingesperrt, die bei Haftbeginn noch nicht das 21. Lebensjahr erreicht und eine Jugendstrafe zu verbüßen haben. 20 Plätze davon stehen für den offenen Vollzug zur Verfügung. Die jungen Männer sind zum Beispiel wegen wiederholten Diebstahls, Fahren ohne Führerschein und unter Alkohol, aber auch wegen Vergewaltigung oder Mord inhaftiert. "Hauptanliegen ist es, sie dazu zu erziehen, künftig einen rechtschaffenden und verantwortungsvollen Lebenswandel zu führen", sagt Anstaltsleiter Klaus-Dieter Schmidt. "Die Jugendlichen können bei uns einen Beruf bis hin zum Gesellenbrief erlernen oder an eine Maßnahme zur beruflichen Bildung oder Berufsfindung teilnehmen."

Das neue Gefängnis hat eine eigene kleine Kirche mit Nebenräumen. "Bei der Projektierung waren die Verantwortlichen sehr darauf bedacht, dass der Kirchenraum einen respektablen Altar bekommt", sagt Schwester Magdalena. "Und auch Kreuz und Ständer für die Osterkerze waren bereits vorgesehen." Ende März und damit rechtzeitig vor dem Osterfest hat der Kirchenraum mit Unterstützung von Bischof Leo Nowak und dem Magdeburger Bonifatiuswerk nun auch eine Mutter-Gottes-Figur bekommen. Zudem stehen vier vom Magdeburger Pfarrer Christian Vornewald gewirkte farbige Stolen zur Verfügung. Aller 14 Tage findet für diejenigen, die möchten, ein Gottesdienst statt.

In den Unterkunftshäusern leben die jungen Männer in Einzelhafträumen. Zwölf bis maximal 20 Inhaftierte bilden eine Wohngruppe. Aus einem Haus mit vier Gruppen kommen acht bis zwölf junge Häftlinge zum Gottesdienst, erklärt die Ordensfrau.

"Kirche gibt es, damit man sich wohlfühlen kann"

Einmal in der Woche geht Michael Schumacher mit Schwester Magdalena ins Gefängnis. Der 24-jährige evangelische Theologiestudent aus Halle besucht dann seinen festen Gesprächspartner, einen Mann, der zu vielen Jahren Haft verurteilt ist. Mit ihm führt Schumacher dann Einzelgespräche. Themen sind zum Beispiel Probleme mit der Familie oder Konflikte mit Mithäftlingen und Bediensten.

Fast dreimal so alt wie Schumacher ist mit seinen 68 Jahren Eberhard Janik. Auch er leistet in der Jugendanstalt ehrenamtlichen Dienst. An zwei Tagen in der Woche kommt er, um mit lernwilligen Häftlingen deutsche Rechtschreibung oder Grundrechenarten zu üben. "Mancher steigt nach dem ersten oder zweiten Mal aus", sagt Janik, "mit anderen mühen wir uns schon eine ganze Weile. Jeder Häftling kommt einzeln. Auch diese groben Kerle sind empfindsam und wollen sich vor den anderen nicht blamieren." In der anstaltseigenen Schule haben sie die Möglichkeit, die neunte und zehnte Klasse abzuschließen.

"Unser größtes Problem hier sind die immer gleichen Menschen um einen", sagt einer der Häftlinge. "Das macht aggressiv." Schwester Magdalena versucht dem entgegenzuwirken. Einem Häftling hat sie eine Gitarre besorgt. Ihre Mitschwester Helena bietet Klavierunterricht an und leitet einen kleinen Chor.

"Die Kirche gibt es hier im Gefängnis, damit man sich darin wohlfühlen kann", sagt ein Häftling. "Hier kann ich sein wie ich bin. Man akzeptiert mich. Die Kirche, die Schwester ist Zufluchtsort vor dem Gefangenenalltag." Besondere Freude für die Ordensfrau: Am zweiten Ostertag hat sich ein junger Strafgefangener von Generalvikar Reinhold Pfafferodt, der aus seiner Zeit als Pfarrer in Merseburg Kontakte nach Raßnitz hat, taufen lassen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 17 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 27.04.2003

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