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Aus der Region

"Jeden hätte es treffen können"

Erinnerung an den Erfurter Amoklauf

Reinhard Müller: Schüler sind uns anvertraut.

Vor einem Jahr erschoss der ehemalige Schüler Robert Steinhäuser am Erfurter Gutenberg- Gymnasium 16 Menschen und anschließend sich selbst. Die Bluttat hat in Deutschland grundsätzliche Debatten über den Jugendschutz ausgelöst. Reinhard Müller, Leiter des Erfurter Johann-Wihelm-Häßler- Gymnasiums, katholischer Christ, erinnert sich an den "schwarzen Freitag" von Erfurt.

Die Ereignisse am Gutenberg- Gymnasium sind jetzt ein Jahr alt. Wie haben Sie den 26. April 2002 und die Tage darauf erlebt?
Ich war nachmittags in der Stadt unterwegs, als ich Kollegen traf, die mir berichteten, dass im Gutenberg-Gymnasium eine Schießerei stattgefunden hat. Die Rede war zunächst von ein bis drei Toten, was an sich schon furchtbar gewesen wäre. Das ganze Ausmaß der Katastrophe wurde erst nach und nach deutlich. Das Schlimme war ja, es hätte irgendwie jeden von uns treffen können, andere Kollegen in einer anderen Schule. Wir waren natürlich geschockt. Für den Sonntag danach habe ich mich mit den Kollegen meiner Schule verabredet und ihnen mitgeteilt, dass wir uns auf einen Ausnahmezustand einzustellen haben, dass wir vielleicht Schüler vom Gutenberg- Gymnasium aufnehmen und uns um sie kümmern müssen. Auch sämtliche Schulleiter der Stadt trafen sich am Samstag nach der Katastrophe zur Krisensitzung.
Wie haben Sie in der Folgezeit versucht, mit den Ereignissen an Ihrer Schule umzugehen?
Zunächst haben wir die Schüler versammelt und versucht deutlich zu machen, dass wir in solch schweren Zeiten zeigen können, dass wir eine gute Schulgemeinschaft sind. Lange Gespräche hatte ich mit den Kollegen und Kolleginnen - sie traf es besonders, denn viele hatten Freunde und Bekannte unter den Opfern, die ja vor allem Lehrer waren. Die Schüler haben die Gespräche mit den Lehrern sehr ernst genommen und sich ihnen gegenüber sehr einfühlsam verhalten. Wir haben zudem die Schüler stärker bestimmen lassen, ob Unterricht stattfinden oder über den Amoklauf gesprochen werden soll.
Ist der Fall Robert Steinhäuser ein absoluter Einzelfall, oder ist er nicht die extreme Folge einer gewalttätigen Gesellschaft, die Kinder und Jugendliche täglich erleben - zum Beispiel in den Medien?
Dass Schüler manchmal Schwierigkeiten in der Schule haben, ist nichts Neues. Mit meinen Kollegen war ich mir aber ziemlich einig, dass wir an unserer Schule zu diesem Zeitpunkt niemanden hatten, der sich in einer ähnlichen psychischen oder sozialen Situation befunden hat. Im Fall Robert Steinhäuser kamen mehrere ungünstige Faktoren zusammen. Dass Misserfolge eine Rolle spielten und dass er Gefahr lief, die Schule ohne Abschluss verlassen zu müssen, ist heute ebenso bekannt.
Abgesehen von diesem neuen Gesetz gibt es in vielen Schulen schon jetzt ein breites Spektrum außerschulischer Arbeit zu allen denkbaren Themenbereichen, auch bei uns. Ein wichtiger Aspekt, bei dem die Jugendlichen die Gesellschaft gewissermaßen von innen kennen lernen, ist die soziale Arbeit. Mit der Caritas machen wir seit fünf Jahren ein Projekt, wo Schüler im Erfurter "Tagestreff" unter Leitung eines Lehrers mitarbeiten. Durch diese soziale Maßnahme von Dauer zeigen wir, dass wir im Rahmen unserer Möglichkeiten auch für Menschen am Rande der Gesellschaft dasein wollen. Hinzu kommen viele gemeinschaftsbildende und kulturelle Veranstaltungen. Die Schuljugendarbeit ist vor allem für die Eltern eine Chance, sich stärker zu engagieren. Die Ereignisse am Gutenberg-Gymnasium haben uns allen deutlich gemacht hat, dass sich ein Schulleben nicht allein durch Regeln gestalten lässt, sondern dass die Jugendlichen uns ansvertraut sind. Etwas, womit wir verantwortungsvoll umgehen müssen.

Interview: Andreas Schuppert

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 17 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Samstag, 26.04.2003

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