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Aus der Region

Wo das Wasser des Lebens besonders kräftig rauscht

In St. Christophorus in Westerland auf Sylt wird die Ganzkörpertaufe praktiziert

Es war noch in der alten Kirche von Westerland auf Sylt, erinnert sich Pfarrer Albert Sprock, da habe er bei einer Taufe in der Osternacht den Ministranten gebeten, das Mikrofon ganz dicht über die Taufschale zu halten, als er aus einem Krug kräftig Wasser über den Kopf des Kindes goss. Und so erfüllte plötzlich ein großes Rauschen und Plätschern den Raum. Da habe er begriffen - und mit ihm die Gemeinde -, welch gewaltige Wirkung diese symbolhafte Handlung eigentlich meint - , und dass dieses Zeichen gar nicht mehr richtig wahrgenommen wird, wenn nur "ein paar Tröppelchen Wasser" über die Stirn des Täuflings fließen. Deshalb setzte es der Pfarrer durch, dass in der neuen Westerländer Kirche, die 2000 geweiht wurde, das Taufbecken in die Mitte des Gotteshauses eingelassen wurde, um eine Ganzkörpertaufe zu ermöglichen. So konnte sinnfällig erlebt werden, wie mächtig dieses Taufwasser ist, dass es einen Menschen reinwäscht, die Sünden wegspült, und seien sie noch so groß. Deutlich wurde auch, dass in der Taufe der ganze Mensch gemeint ist - und das von Beginn seines Lebens an: Mit Leib und Seele, mit Haut und Haaren ist er von Gott gemeint, von Gott geliebt, und wird als Gotteskind angenommen und hineingenommen in die Gemeinschaft der Glaubenden, die sich um das Taufbecken herum versammelt. Mit Tränen in den Augen hätten ihm Gemeindemitglieder bestätigt: Jetzt haben wir begriffen, was Taufe eigentlich bebedeutet.

Das Wasser im Zeugnis der Bibel

Ohne Wasser kann der Mensch nur etwa fünf Tage überleben. Und wie niemand ohne Wasser leben kann, so können Christen nicht ohne Ostern leben. Im Gespräch mit Nikodemus weist Jesus darauf hin: Wer nicht wiedergeboren wird aus dem Wasser und dem Heiligen Geist, der kann nicht in das Reich Gottes gelangen. Jesus knüpft mit diesem Bild an eine alte Erfahrung insbesondere der Wüstenbewohner an. In dem an Wasser armen Orient gilt es als besonders wichtig und kostbar. Fremden, die einkehrten oder vorübergingen, wurde Wasser angeboten. Wassermangel brachte das alttestamentliche Volk zum Murren gegen Moses, und unter Einsatz ihres Lebens brachten die Leibwachen Davids Wasser für den König. Als Ursymbol für das Leben hat das Osterwasser in der Kirche zentrale Bedeutung. Taufwasser wurde seit dem zweiten Jahrhundert nur zu Ostern und Pfingsten geweiht; im Volksglauben galt Wasser über Jahrhunderte als heilkräftig, wenn Frauen es Ostersonntag vor Sonnenaufgang schweigend aus einem Bach schöpften, ohne dass sie jemand sah.

Wasser: das Dunkle und Bedrohliche

Wasser ist aber auch ein Symbol des Bedrohlichen, des Dunklen, des Lebensgefährlichen. So wird in der Taufe dem Menschen zugesagt: Aus dem Bedrohlichen deines Lebens will Gott dich herausholen. "Deshalb finde ich diese Symbolik auf der Insel, so nahe an der Nordsee, nochmals verstärkt", so Pfarrer Sprock. Die Sylter wissen, was Sturm bedeutet, was die Kräfte des Wassers auch bewirken können. St. Christophorus liegt etwa 300 Meter vom Meer entfernt; Deiche sollen verhindern, dass die tobende See hereindrischt, wie zum Beispiel im Jahre 1963, als sie anfing zu kochen, Gischt wie Schneeflocken durch die Straßen trieben und die Flut schließlich die Innenstadt überschwemmte. Da halfen auch die Tetrapoden nicht, jene unförmigen Steinklötze, die Jahre zuvor in den Strand eingelassen wurdent. Vergebliche Mühe. Das Wasser hatte sie unterspült. "Wir brauchen einen Standpunkt, einen Standort, und wenn mir der Boden unter den Füßen wegschwimmt, dann gibt es Verunsicherungen. Es ist eine Ur-Erfahrung des Menschen: Im Sturm, in der Flut gibt es keinen Halt mehr", so Pfarrer Sprock.

Viele Urlauber, die nach Sylt kommen und Abstand gewinnen wollen zu ihren Alltagssorgen, erfahren an der See, auch in der Halt-Losigkeit bei den Stürmen, die immer wieder das Wasser zu bedrohlichen Bergen auftürmen, ihre eigene Kleinheit. Dieses Erlebnis wühlt auf, bringt das Innenleben, das Verborgene oder vergessen Geglaubte wieder nach oben. So kommt es, dass dieses Erlebnis die Menschen auch zum seelsorglichen Gespräch zwingt. "Die Leute bringen in ihren Urlaub ja ihre Probleme mit, ihre Lebensgeschichte, ihre Ängste. Hier brechen sie wieder auf, da rumort es, da suchen die Menschen das Gespräch", schildert der Seelsorger seine Erfahrungen mit Urlaubern. Aber auch dann, wenn die See ruhig liegt wie ein Brett und der weite Horizont einlädt zu erkundigen, was wohl dahinterliege, wächst Sehnsucht nach Neuem, nach Veränderung, auch nach innerem Neubeginn.

Die Geschichte vom Einsiedler

Doch muss es nicht unbedingt die weite See sein, die die Sinne öffnet für andere und ganz intensiv auch für sich selber, wie es die Besucher bei einem Einsiedlermönch erfahren haben, die eine alte Erzählung festgehalten hat: "Welchen Sinn hat das Leben in der Einsamkeit?" fragten sie. Der Mönch schöpfte gerade Wasser aus der Zisterne. Er bat die Fremden, einen Blick in die Tiefe zu tun. "Was seht ihr?" fragte er sie. "Wir sehen nichts," antworteten die Besucher. Nach einer Weile wiederholte der Mönch seine Bitte. Die Leute blickten abermals in die Tiefe hinab. "Jetzt sehen wir uns selber," sagten sie. "Unsere Gesichter spiegeln sich im Wasser." Der Mönch sagte: "Weil ich vorhin Wasser förderte, war Unruhe in der Zisterne. Jetzt ist das Wasser ruhig. Das ist die Erfahrung der Stille: Man sieht sich selber."

Michael Dorndorf

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 16 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 17.04.2003

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