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Bistum Magdeburg

Bilden die Konfessionslosen ein neue Glaubensrichtung?

Nichtzugehörigkeit zur Kirche in Ost und West hat verschiedene Gründe / Probleme für Zusammenwachsen

Magdeburg (ep) -In den neuen Bundesländern ist die übergroße Mehrheit der Bevölkerung konfessionslos. Gehört sie zu einer neuen Konfession? Daniel Cyranka, Mitarbeiter des Religionswissenschaftlers und Konfessionskundlers Helmut Obst von der Universität Halle beantwortet die Frage mit Nein. Denn im Hinblick auf ein Bekenntnis "gibt die Konfessionslosigkeit keine positiven Impulse" in die Gesellschaft. "Konfessionslose bilden keine Bekenntnisgemeinschaft", sagte Cyranka bei einer Veranstaltung der Katholischen Akademie im Roncalli-Haus Magdeburg. Das aber habe weitreichende Auswirkungen auf alle Lebensbereiche. Cyranka: "Wer aus der Kirche austreten will, sollte diese Folgen bedenken."

Nach Ansicht Cyrankas ist der heute bestehende religiöse Pluralismus in Deutschland "gesellschaftliche und politische Absicht". In den jungen Bundesländern sei diese "erwünschte religiöse Vielfalt jedoch ein radikales Minderheitenproblem". In Halle etwa seien 8,5 Prozent der Einwohner evangelisch, 3,5 Prozent katholisch. Weitere 1,4 Prozent gehörten 25 weiteren religiösen Gemeinschaften bis hin zu buddhistischen Gruppen an. Damit bedeute die "Freiheit zur Religionsausübung Freiheit von der Religionsausübung". Statistisch gesehen gebe es in allen Ländern Europas einen Trend zur Konfessionslosigkeit, der in Ostdeutschland aber überdurchschnittlich vorangeschritten sei.

Cyranka erinnerte daran, dass die Wurzeln dafür in der freireligiösen Bewegung des 19. Jahrhunderts liegen und Konfessionslosigkeit durch Nationalsozialismus und Sozialismus gezielt befördert wurden. "Eine der rafiniertesten Kriegserklärungen an Religion und Kirche" sei dabei die Jugendweihe gewesen. Dennoch hätte 1989 die Minderheit der Konfessionschristen eine entscheidende Rolle gespielt.

Aber auch in den alten Bundesländern "wächst die Konfession der Konfessionslosen beeindruckend", so Cyranka. Waren es 1950 vier Prozent, so seien es 1995 reichlich zwölf Prozent gewesen, die keiner Kirche angehörten. Deutschlandweit sind seit 1990 vier Millionen Menschen aus der Kirche ausgetreten und 500 000 eingetreten. Zudem seien eine Million christliche Spätaussiedler gekommen.

Für Cyranka ist Religion Angelegenheit von Sprache: "Ich bin geneigt, Religion und Glaube als Sprachfähigkeit zu verstehen. Wenn Menschen nicht mehr fähig sind, über Inhalte von Religion zu sprechen, ist es sehr schwer, diese Sprache wieder zu entwickeln." Insofern sei es auch problematisch, mit Konfessionslosen über religiöse Fragen zu reden. Cyranka plädiert deshalb dafür, in der Öffentlichkeit "mehr, lauter und deutlicher religiöse Sprache zu verwenden, damit viele etwas davon mitbekommen". Sprache meine "nicht nur das gesprochene Wort, sondern auch religiöse Gesten und Handlungen, etwa Wallfahrten".

Nach Ansicht von Cyranka spielt die verbreitete Konfessionslosigkeit in den jungen Ländern eine wichtige Rolle bei den Problemen des Zusammenwachsens in Deutschland. Während im Osten der Kirchenaustritt "Ausdruck gesellschaftlicher Anpassung und damit Folge einer Unterindividualisierung" ist, sei er im Westen Symbol für Selbstbestimmung und Ergebnis einer "Überindividualisierung". Mit Ehrhart Neubert hält Cyranka die Konfessionslosigkeit der Ostdeutschen für die "einzige Manifestationsmöglichkeit, erworbenes Wissens aus der DDRZeit zu zeigen und zu leben". Schließlich wisse man, das Religion überholt, Symptom des Übels schlechthin und unnötiger Überbau sei und lehne sie deshalb ab. Gegen Auffassungen, Konfessionslose seien religiöser als mancher denkt, sieht Cyranke bei 90 Prozent der Konfessionslosen in den jungen Bundesländern keinerlei Merkmale persönlicher Religiosität. Nur 0,3 bis 0,4 Prozent der Menschen, die keiner Kirche angehören, hätten eine anderweitige religiöse Bindung. "Kirche und Glauben sind für das persönliche, individuelle Leben irrelevant."

Folge der Konfessionslosigkeit sei ein wachsendes Unverständnis der Geschichte. Zudem spiele die Kirche in der Öffentlichkeit eine immer geringere Rolle. Während zwischen den Kirchen in ethischer Hinsicht weithin Übereinkunft bestehe, sei in der übrigen Gesellschaft eine wachsende ethische Konfessionslosigkeit in Folge der religiösen Konfessionslosigkeit zu beobachten. Cyranka: "Konfessionslosigkeit markiert in religiöser Perspektive ausschließlich einen Verlust."

Buchtipp: Cyranka, Obst "... mitten in der Stadt".
Halle zwischen Säkularisierung und religiöser Vielfalt,
Halle 2001
Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 16 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 17.04.2003

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