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Nicht offen genug für die Gesellschaft?

Halle: Vertreter der katholischen Akademien diskutierten Aspekte kirchlicher Bildungsarbeit

Kirche -nicht offen genug in der offenen Gesellschaft? Hubertus Staudacher, Moderator Johannes Piskorz, Martin Knechtges, Joachim Klose, Hans-Joachim Marchio.

Halle (ep) -"Bildungsarbeit als Auftrag an eine ,offene Kirche' in ,offener Gesellschaft'" stand über einer Podiumsdiskussion, die am 6. April in Halle stattfand. Unter Leitung des Hallenser Arztes Johannes Piskorz diskutierten Vertreter der katholischen Akademien in Berlin, Dresden und Erfurt. Hans-Joachim Marchio, Akademiedirektor des Bistums Magdeburg hatte anlässlich seines 60. Geburtstages dazu eingeladen und hörte zu.

"Die Kirche, wir alle sind nicht offen genug für die offene Gesellschaft. Die Priester und Verantwortlichen sind nicht offen genug", formulierte der Dresdner Akademiedirektor Joachim Klose zugespitzt seine Hauptthese. Doch genau diese Offenheit sei heute nötig. Bis 1989 war die Kirche eine klar definierte Größe und es war klar, wo der Gegner stand, sagte der Leiter des Katholischen Forums in Thüringen, Hubertus Staudacher. Seit der Wende aber sei die Kirche eine gesellschaftliche Gruppe unter vielen. "Seitdem haben wir noch nicht unseren Standort gefunden und nicht recht begriffen, was wir als Kirche einbringen sollen", so Staudacher. "Wir haben Scheu davor, in der Gesellschaft, ja sogar in unseren Familien von Gott zu sprechen, von dem, was die Alltäglichkeit der Gegenwart aufbrechen kann." Es sei mehr Gelassenheit angebracht, wenn es gelte, in der Öffentlichkeit von der Ewigkeit zu reden, "von unserer Hoffnung und von unserer großen Geschichte". "Nur so können wir eine Horizonterweiterung bewirken bis in die Politik hinein", so der Theologe.

Für Martin Knechtges, Referent bei der Katholischen Akademie in Berlin, ist es "vielleicht sogar noch wichtiger, die richtigen Fragen zu formulieren, damit der Gesellschaft wichtige Themen deutlich werden, etwa die Frage nach der Ewigkeit."

Klose appellierte: "Wir Christen und unsere nicht getauften Mitmenschen, wir müssen uns gegenseitig aushalten und versuchen, uns zu verstehen." Wer sucht denn den Dialog mit jemandem, der Informeller Mitarbeiter, der in der SED war, so Klose. Dafür sei es allerdings nötig, "unsere Sprache zu ändern". "Zugleich aber muss ein Perspektivwechsel stattfinden: Wir müssen selbstbewusster katholisch sein." Nach Ansicht von Staudacher ist der Gesellschaft auch zuzumuten, sich ein Stück auf die religiöse Sprache einzulassen: "Wir verlangen doch von großen Lyrikern wie Else Laske- Schüler auch nicht, dass sie ihre Sprache ändern. Manches lässt sich treffend nicht anders sagen." Es sei aber auch ein Dienst der Kirche, wenn Menschen zwar die religiösen Inhalte nicht verstünden, im kirchlichen Umfeld aber Atem holten, wie es etwa zu Weihnachten geschehe. Klose plädierte dafür, die kirchliche Liturgie nicht zu sehr zu variieren. Es sei gerade die klassische Liturgie, die Nichtchristen in ihrer Feierlichkeit und Ruhe anspreche. Stattdessen gelte es, eigene Übergangsformen und Riten für Nichtchristen anzubieten: "Mir reicht es nicht, dass nur die christlichen Gymnasien für die Jugendlichen eine Feier anbieten, wenn 70 Prozent der jungen Leute in Sachsen zur Jugendweihe gehen", so Klose.

Auch Staudacher ist für gestufte Angebote, die es ermöglichen, Transzendenz zu erahnen. Hier biete sich der riesige Schatz an Sakramentalien wie Aschenkreuz oder Blasiussegen an. Staudacher: "Wir müssen an die Menschen herantreten und sagen: Entscheidet euch für den Glauben. Aber wir müssen auch damit leben, dass es Menschen gibt, die nur punktuell kommen." Und: "Die Kirche muss in der Gesellschaft präsent sein. Wer geht zu einer Vernissage und spricht als Christ mit Kunstinteressierten? Wer geht in die Gewerkschaft? Erst wenn wir präsenter sind, können wir über Missionsstrategien reden."

Dort, wo Bildung ganz oder in bestimmten Bereichen ausfällt, hat die Kirche nach Ansicht Staudachers einen bildungsdiakonischen Auftrag. Zudem habe sie bei den Bildungsveranstaltungen anderer die religiöse Sicht einzubringen. Und: "Wir müssen die Christen ausrüsten, damit sie Antwort geben können auf Fragen wie: Was bedeutet Auferstehung, Himmelfahrt?"

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 16 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 17.04.2003

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