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Eine Hoffnung hat sich auf den Weg gemacht

Das Ökumenische Informationszentrum in Dresden

Dresden -Als Ende der 80er Jahre Vertreter der christlichen Kirchen und Gemeinschaften in der DDR an den Ökumenischen Versammlungen in Dresden und Magdeburg teilnahmen, war viel von Hoffnung die Rede. "Eine Hoffnung lernt gehen" -dieser Titel eines Aufrufes wurde nicht nur ein geflügeltes Wort, sondern für diejenigen, die sich im so genannten konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung engagierten, eine konkrete Erfahrung. Heute -über zehn Jahre später -sind die Kastanienbäumchen, die damals an die Vertreter der Kirchen zusammen mit den Abschlusstexten übergeben wurden, zu einem großen Teil schon lange gestorben. "Das Engagement für die Themen des konziliaren Prozesses ist schwieriger geworden", sagt Annemarie Müller. Und wie steht es um die Hoffnung? "Nicht so gut", zieht Heinz Kitsche knapp Bilanz.

Annemarie Müller und Heinz Kitsche gehören zu denen, die die Hoffnung trotzdem nicht aufgeben wollen. Bis heute haben sie mit der Hoffnung von damals zu tun -auch beruflich, denn sie arbeiten im Ökumenischen Informationszentrum (ÖIZ) in Dresden. Das ÖIZ ist ein Kind der Ökumenischen Versammlung. In einem Halbsatz in einem der Papiere wurde die Gründung von Einrichtungen angeregt, die die Arbeit in den Regionen fortsetzen sollten. Nur in Dresden wurde das von den Basisgruppen und vom Stadtökumenekreis umgesetzt. Ganz klein und mit viel ehrenamtlichem Engagement begann im Juli 1990 das ÖIZ mit seiner Arbeit. Heute spielt der Verein in Dresden und der Region eine wichtige Rolle. Angeboten werden Begegnungsund Informationsveranstaltungen, es gibt ein breites Beratungsangebot, die Mitarbeiter halten Vorträge, gehen in Schulen und Kirchgemeinden. Zum ÖIZ gehört eine Bibliothek. Etwa 15 Gruppen und Vereine finden hier Arbeitsmöglichkeiten. Das LadenCafe aha, ein Kind des ÖIZ, setzt die Theorie in tägliche Gewohnheiten um -das Einkaufen und den Verzehr von fair gehandelten und kontrolliert biologisch hergestellten Produkten.

Nach 1989 hat sich manches verändert

Die Arbeit an den Themen von damals ist heute mindestens genauso notwendig, sagt Annemarie Müller. Mancher sieht das anders, ist eine Erfahrung von Heinz Kitsche. Die wichtigste Ursache dafür sind die politischgesellschaftlichen Veränderungen in Ostdeutschland. "Viele haben das Gefühl, nach 1989 im Gelobten Land angekommen zu sein." Die Opposition gegen die DDR ist als Motiv für das Engagement weggefallen. Andere wurden von den vielen neuen Möglichkeiten in Beschlag genommen oder sie brauchen ihre Kräfte, um die eigenen Lebensverhältnisse zu sichern.

Auch die Situation der Kirchen hat sich verändert. Es entstanden neue Möglichkeiten etwa im sozialen Bereich, sagt Annemarie Müller. Eine Folge war eine Konzentration der Kirchen auf sich selbst. "Die Idee der Ökumene aus der Zeit der Ökumenischen Versammlungen ist nicht in die neue Zeit gerettet worden", bedauert sie. Dabei wäre das Engagement der Kirchen heute genauso nötig, denn: "Die Reichen werden immer reicher. Die Gruppe der Armen wird immer größer. Die Kluft wächst. Und die Schreckensvisionen von damals werden Wirklichkeit", sagt Heinz Kitsche und meint damit beispielsweise den Irak-Krieg und die Hochwasserkatastrophe vom vergangenen Sommer.

Manche Hoffnung ist in den letzten zehn Jahren weggegangen. Manches Thema wird aber auch von anderen Gruppen aufgenommen. Die Erlassjahrkampagne, die sich für die Entschuldung der Länder der Dritten Welt einsetzt, ist ein Beispiel dafür. Es gibt Hoffnungszeichen -auch ganz neue: Da entsteht angesichts des Irak-Krieges eine bisher nie dagewesene Koalition zwischen dem Papst, dem Ökumenischen Rat der Kirchen, der UNO und der internationalen Friedensbewegung; auch der Kirchen in Deutschland und der Bundesregierung. Oder: Wann sind an einem Tag weltweit 15 Millionen Menschen für den Frieden auf die Straße gegangen -und das schon vor dem Krieg, fragt Heinz Kitsche. Für Annemarie Müller ist auch das über Monate gehende politische und diplomatische Ringen um den Frieden ein Hoffnungszeichen -selbst, wenn es, kurzfristig gesehen, letztlich erfolglos war.

Mit Gerechtigkeit Frieden und Bewahrung der Schöpfung sind die Probleme verbunden, die die Menschheit lösen muss, will sie ihren Untergang nicht selbst herbeiführen. Wird es gelingen? "Das ist immer unentschieden", meint Heinz Kitsche, "und es kommt tatsächlich auf unseren täglichen Beitrag an!" Von einer neuen großen ökumenischen Versammlung hält Annemarie Müller wenig. "Das ist ein Erlebnis für ein paar wenige Leute." Helfen kann letztlich nur viel Kleinarbeit, um beispielsweise die "wirklich guten Texte" wieder mehr ins Bewusstsein zu bringen und um die Kirchen an ihre Verpflichtungen von damals zu erinnern. Annemarie Müller: "Der Weg ist das Ziel." "Und die ganze Arbeit liegt immer wieder vor uns", fügt Heinz Kitsche hinzu.

Matthias Holluba ist TAG DES HERRN - Chefredakteur

Kontakt:
Ökumenisches Informationszentrum,
Kreuzstraße 7,
01067 Dresden;
Tel. (03 51) 4 92 33-64 bis -69;
Internet: www.infozentrumdresden.de

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 15 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Samstag, 12.04.2003

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