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Ein Beispiel staatlicher Unterdrückung

Publikation über die Jugendwallfahrt 1973 zum Petersberg bei Halle und ihre Folgen

1973 an der Jugendwallfahrt beteiligt: Aloys Funke, damals Pater Meinrad; die ehemalige Jugendreferentin Barbara Rohde, heute Barbara Müller. Rechts daneben: Heinrich Sonsalla, der als Jugendlicher unter anderem Wolf-Biermann-Songs vortrug. Ganz links: die Beauftragte Sachsen-Anhalts für die Stasi-Unterlagen, Edda Ahrberg.

Halle (ep) -Der Anspruch der DDR-Ideologen auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendarbeit war total. Damit umzugehen und nach Möglichkeit entgegenzusteuern, war nicht nur für Eltern, sondern auch für die Verantwortlichen in der Kirche nicht leicht. Nachdrücklich macht dies eine Publikation deutlich, die jetzt in der Reihe "Betroffene erinnern sich" bei der Landesbeauftragten Sachsen-Anhalts für die Stasi- Unterlagen, Edda Ahrberg, in Magdeburg erschienen ist. Die von Aloys Funke herausgegebene Broschüre befasst sich mit der "Petersberg-Wallfahrt am 17. Juni 1973" und damit mit der "katholischen Jugendarbeit im Visier von SED und MfS". Als für die Wallfahrt Mitverantwortlicher hat Funke auch unter Hinzuziehung zahlreicher Stasi-Unterlagen die Geschehnisse aufgezeichnet und mit der Veröffentlichung der Wallfahrtstexte Anliegen Jugendlicher in der DDR auch im Vorfeld des 50. Jahrestages des 17. Juni festgehalten.

Funke war als Franziskanerpater Meinrad und Referent in der Jugendseelsorge unter Diözesan- Jugendseelsorger Markus Hillebrand an der Durchführung der Wallfahrt beteiligt. Sie fiel am Dreifaltigkeitssonntag 1973 auf den 17. Juni. Das Thema lautete "Maske 73 -Handeln, nicht behandelt werden". Mit einem Programm vor dem Gottesdienst wurden die gut 1500 Jugendlichen mit dem Thema bekannt gemacht. "Provozierende Reiztexte und Lieder, die bei anderen Gelegenheiten übersehen worden wären, erhielten am 20. Jahrestages des 17. Juni 1953 eine Bedeutung, die ihnen in den Vorplanungen nicht zugedacht war", sagte Funke bei der Vorstellung der Broschüre in Halle.

Leitsymbol seien große Bildwände mit den indischen Weisheitsaffen gewesen, die nicht sehen, nicht hören und nicht reden -als Spiegelbild der Angepassten, die selbst nicht handeln, sondern von Kirche oder Partei behandelt und gegängelt werden müssen. Funke: "Die dazu vorgetragenen Texte waren als Beschimpfung der Jugendlichen bewusst provokatorisch formuliert, damit sie unter die Haut gehen würden." Eine Antwort wurde dann in der Wallfahrtsmesse gegeben. Autoren waren hauptsächlich die Jugendseelsorge- Referentin Barbara Rohde sowie die Vikare Harald Feix, Wippra, und Peter Friebel, Eisleben. Worttexte, Songs und etwa die szenische Darstellung der "Hinrichtung eines Angepassten", einer lebensgroßen Puppe, die gehängt wurde, wurden von Staatssicherheit (MfS) und anderen DDR-Staatsorganen, aber auch den Oberen der Kirche "in ihrer Ironie nicht verstanden", sagte Funke.

"Die Texte, Lieder und Akklamationen sowie die Hinrichtung, die mich selbst erschreckt hatte", so Funke, "waren der Stein des Anstoßes in der folgenden Auseinandersetzung zwischen staatlicher Seite bis hin zu Ministerpräsident Willi Stoph und den kirchlichen Verantwortlichen, Generalvikar Theodor Hubrich und Prälat Heinrich Jäger in Magdeburg sowie Bischof Alfred Kardinal Bengsch und Prälat Otto Groß auf zentraler Ebene in Berlin." Dabei bemängelte das MfS keine Bezüge zum 17. Juni, wohl aber einen "versteckten, reaktionären Charakter der Veranstaltung". "Aus vielen Programmtexten spricht ...die Ablehnung der Erziehung zum Haß, die Polemik gegen unser Feindbild, die christliche Freiheitskonzeption", heißt es in MfS-Unterlagen. Auch wurde der "Versuch der Wehrkraftzersetzung unterstellt, weil Zettel mit Terminen der NVA-Tage für die vor der Armee- Einberufung stehenden jungen Männer verteilt worden seien. Zudem, so Funke, wurde gegenüber den kirchlichen Amtsträgern die Feststellung, die Veranstaltung sei über den Rahmen kirchlich-religiöser Kulthandlungen hinausgegangen, "solange hartnäckig wiederholt, bis auch Kardinal Bengsch und Prälat Groß in Berlin sowie Bischof Johannes Braun und Generalvikar Hubrich in Magdeburg sie als Instrument der Disziplinierung gegen die Mitarbeiter in der kirchlichen Jugendseelsorge benutzten" und sich von der Veranstaltung deutlich distanzierten.

"In bedrückender Weise", so der frühere Seelsorger, "machen die ausführlichen Stasi-Materialien die Arroganz und den erbitterten Monopolanspruch der sozialistischen Ideologen auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendarbeit deutlich. Im konkreten Fall der Petersbergwallfahrt kam dazu die bittere Erfahrung, dass das Team der Jugendseelsorge auch von den kirchlichen Vorgesetzten fallen gelassen wurde." Ausweg aus dem Eklat war auch ein "Bauernopfer der Kirche": Sie teilte dem Staat mit, der verantwortliche Pfarrer Wall, -den es in Wirklichkeit nicht gab -sei strafversetzt worden. Tatsächlich aus der Jugendseelsorge weg ging Pater Funke. Bereits vor der Wallfahrt, am 6. Juni, war er von seinem Orden mit einer Pfarrstelle in Dresden betraut worden. Dass er vom MfS als Hauptverantwortlicher und als von der Kirche strafversetzt geführt wurde, wusste er nicht.

Die Broschüre ist kostenlos zu beziehen:
Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen,
Tel. (03 91) 5 67 50 51;
E-Mail: info@landesbeauftragte.de

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 15 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Samstag, 12.04.2003

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