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Bistum Magdeburg

"Auge in Auge mit Gott" leben

Exerzitien im Alltag: Beispiel Delitzsch / Impuls zum Pastoralen Zukunftsgespräch (Teil 2)

Eingeladen, von den eigenen Glaubenserfahrungen zu sprechen: Einmal pro Woche treffen sich die Teilnehmer der Exerzitien im Alltag, um neue geistliche Impulse zu empfangen. Symbolisch legen sie gemachte Erfahrungen in eine Schale.

Delitzsch (ep) -"Die Exerzitien im Alltag helfen mir, meinen Glauben zu vertiefen", sagt Maria Richter (58). "Wir sollen uns täglich in der Fastenzeit eine halbe Stunde Zeit nehmen, um die Texte für den jeweiligen Tag zu lesen und uns darüber Gedanken zu machen. Das öffnet den Blick für Dinge, die man vorher bei sich selbst nicht so klar gesehen hat."

Jeden Dienstag in der Fastenzeit treffen sich zwischen 25 und 30 katholische Christen um 20 Uhr im Pfarrzentrum in Delitzsch. Auch Ortspfarrer Dechant Armin Kensbock und Gemeindereferentin Schwester Irina Röttig sind dabei. Sie kommen zusammen, um sich von Pfarrer Klaus Schoenebeck (45) aus Torgau Anregungen für ihre Exerzitien im Alltag geben zu lassen: Die zurückliegenden Tage nochmals zu bedenken, nicht verstandene Texte zu besprechen und neue Impulse zu bekommen. Neben Auszügen aus der Bibel und Gebetsvorlagen dienen vor allem Texte der Karmelitin und Philosophin Edith Stein als Anregung.

"Die Worte Edith Steins sind nicht einfach zu lesen, regen aber sehr zum Nachdenken an", sagt Ullrich Reisaus, der mit seiner Frau Ulrike (beide 65) an den Exerzitien im Alltag teilnimmt. "Ich bin von Kindheit an katholisch, habe vieles hingenommen wie es war", sagt Reisaus. "Angeregt durch die Texte Edith Steins mache ich mir derzeit über so manches Gedanken. Ein Stück Beunruhigung, aber auch eine Chance!" "Es ist gar nicht einfach, sich im Alltag täglich eine Zeit für die Exerzitien zu nehmen", sagt Frau Reisaus. "Edith Stein hat ein ganz anderes Verständnis von der Liebe zu Gott. Das ist viel inniger als unsere Liebe. Ohne Wenn und Aber. Wie bei Maria. Mit Familie hat man eben ganz andere Aspekte im Blick."

"Was Gott von dir will, das musst du Auge in Auge mit ihm zu erfahren suchen", wiederholt Pfarrer Schoenebeck einen Satz Edith Steins, den er den Teilnehmern auf den Weg gegeben hatte. Und lässt die zurückliegenden sieben Tage mit ihren Themen noch einmal kurz Revue passieren: "Sich sehen wie man ist" war der zweite Tag überschrieben. Schoenebeck: "Da wird man sehr klein und nachsichtig gegenüber den anderen ..." Der dritte Tag lud ein, sich der "Liebe und Geduld Gottes zu uns" bewusst zu werden. Und über dem vierten Tag stand das Wort Jesu aus dem Johannes-Evangelium: "Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat", und die Einladung, mit Edith Stein zu beten: "Dein Wille geschehe." Schließlich hieß es: "Seid untereinander so gesinnt, wie es den Jüngern Jesu entspricht": "Jesus war wie Gott ..., entäußerte sich und wurde wie ein Sklave", so ein weiterer Bibeltext. -"Uns fällt es schwer, uns zu entäußern", sagt Schoenebeck.

Nun ist Gelegenheit für Fragen. Ullrich Reisaus hat eine zu einem Text Edith Steins, in dem es um die Erfüllung von Gottes Willen geht. "Oft erkennen wir Gottes Willen nicht", sagt Pfarrer Schoenebeck. "Etwa, wenn wir es gut gemeint und uns angestrengt haben -und Schlechtes dabei herauskommt. Angesichts von Krankheit oder wenn trotz echten Bemühens eines Partners eine Ehe zerbricht". Schoenebeck: "Und doch gilt, und das will Edith Stein sagen: Wenn man die Grundentscheidung getroffen hat, als Christ leben zu wollen, und entsprechend handelt, dann tut man das Rechte. Wenn es Gott nicht gefällt, wird er es zu verhindern wissen. Ich bete nicht selten: Herr, wenn das nicht dein Wille ist, dann lege mir etwas zwischen die Füße ..." Schoenebeck: "Das muss aber jeder in seinem eigenen Leben erfahren und lernen."

Nun lässt Schoenebeck eine leere Schale herumgehen. Jeder ist eingeladen, etwas hineinzulegen: "Ich musste eine schwere Entscheidung fällen", sagt eine Frau. Eine andere: "Ich hatte die Angst, dass ich nicht genug im Sinne Gottes tue. Ich möchte wie Edith Stein ganz Ja sagen können." Ein Mann: "Ich lege in diese Schale meine ganze Hoffnung, dass wir in Frieden das Osterfest begehen können." Andere Teilnehmer geben die Schale einfach weiter.

Nach dem Lied "Unser Leben sei ein Fest" stellt Schoenebeck neue Texte und die Abbildung eines Holzschnittes von Walter Habdank "In Deinen Händen" vor. Die Teilnehmer haben nun Zeit, den Holzschnitt mit der großen Hand, in die sich ein Mensch birgt, anzuschauen. Dann sagt, wer möchte, seine Eindrücke. -"Gottes Kind sein heißt, an Gottes Hand gehen", wird die neue Woche überschrieben sein.

Am Ende lädt der Pfarrer zum freien Fürbitt-, Lob- und Dankgebet ein. Eine Reihe der Teilnehmern beteiligen sich, beten in persönlichen Anliegen, um Frieden, um Priesterberufungen oder danken für ihren Glauben. Mit einem Marienlied klingt der Abend aus. Abschließend teilt Schoenebeck die Materialien für die nächsten sieben Tage aus.

"Das Interesse an Hilfe in geistlichen Dingen ist groß, auch unter jungen Leuten", sagt Schoenebeck, der dem karmelitanischen Säkularinstitut "Notre Dame de vie" angehört, nach der Zusammenkunft. In Torgau fänden die Exerzitien bereits zum zweiten Mal statt. "Zudem bin ich froh und erstaunt, wie die Materialien über das ganze Jahr weiter genutzt werden", so der Seelsorger.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 15 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Samstag, 12.04.2003

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