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Fast wie eine Familie

Mit einem Partnerschaftsvertrag haben sich eine evangelische und eine katholische Gemeinde in Erfurt

In Ostdeutschland einmalig: Die katholische St.-Crusis- und St.-Wigbert-Gemeinde und die evangelische Thomasgemeinde in Erfurt haben einen Partnerschaftsvertrag abgeschlossen. Für die beiden Pfarrer Martin Rambow (links) und Peter Matheis besiegelt der Vertrag eine über Jahre gewachsene Verbindung.

Erfurt -Lange hat Familie Hille danach gesucht. Die ökumenische Partnerschaft zwischen der katholischen St.-Crucis- und St.-Wigbert-Gemeinde sowie der evangelischen Thomasgemeinde in Erfurt war für die Familie sogar der Ausschlag gebende Grund, extra nach Erfurt zu ziehen. Gemeinsam mit ihren beiden Kindern sitzen Torsten und Elisabeth Hille auf der Bank der St.-Crucis-Kirche, in der Pfarrer Peter Matheis und sein evangelischer Amtsbruder Martin Rambow gemeinsam Gottesdienst halten. Das spezielle ökumenische Angebot trägt nun zur Erleichterung des Familienalltags bei. "Hier fühlt sich keiner von uns ausgeschlossen, sondern eingeladen", erzählt das Ehepaar. "Denn wir leben ja ökumenisch", so Torsten und Elisabeth Hille. Vater Torsten ist in der katholischen Gemeinde aktiv, Mutter Elisabeth ist im Gemeinderat der evangelischen Kirche engagiert.

"Die ökumenische Zusammenarbeit wird vor allem von den konfessionsverschiedenen Familien dankbar angenommen", bestätigen die beiden Pfarrer Martin Rambow und Peter Matheis. In Ostdeutschland bislang einmalig, haben die beiden Gemeinden vor einem Jahr ihre ökumenische Partnerschaft verbindlich in einem Vertrag festgelegt. Dazu angeregt wurden sie durch eine Kirchenpartnerschaft in Köln. Für die beiden Pfarrer, die auch sonst einen guten Draht zueinander haben, ist damit eine Verbindung, die über Jahre gewachsen ist, lediglich offiziell besiegelt worden.

Eigentlich, erzählen die Pfarrer, gibt es bereits 40 Jahre lang gute ökumenische Beziehungen zwischen beiden Gemeinden. Allerdings waren die eher sporadisch gewesen. Bis vor drei Jahren. Damals musste sich die evangelische Gemeinde neue Räume suchen, weil die Thomaskirche renoviert wurde. Der vorübergehend heimatlosen Gemeinde bot die nahe gelegene katholische St.-Crucis-Gemeinde Unterschlupf an. Zunächst fanden die Gottesdienste hintereinander statt. Doch immer öfter schauten sich die Kirchgänger auch den Gottesdienst der anderen Konfession an. Seitdem gab es immer wieder auch gemeinsame Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen.

Das Abendmahl und der Schmerz der Trennung

Der vor einem Jahr geschlossene Partnerschaftsvertrag regelt nun offiziell die Förderung ökumenischer Gottesdienste, gemeinsamer Gemeindegruppen und gegenseitiger Besuche. Und so gehört es inzwischen selbstverständlich dazu, dass der evangelische Pfarrer zur Erstkommunionfeier die Grüße seiner Gemeinde übermittelt, und umgekehrt der katholische Amtsbruder bei den Konfirmanden in der evangelischen Kirche vorbeischaut.

Die ökumenische Partnerschaft, davon sind beide Pfarrer überzeugt, habe zu einer größeren Aufmerksamkeit und Sensibilität gegenüber der anderen Konfession geführt. Der Austausch in der Gemeinde soll sogar schon zu gemeindeübergreifenden Freundschaften geführt haben.

Natürlich wird auch in den beiden Partnergemeinden das Thema "Gemeinsame Abendmahlsfeier" mit großem Interesse verfolgt. "Es gibt keine Agape-Feier, wo der Schmerz der Trennung nicht zum Ausdruck kommt", bestätigt Rambow.

Den Schlüssel zur Kirche behalten

Für die Zukunft hoffen die beiden Pfarrer, dass die ökumenische Partnerschaft weiter wächst. "Es reicht nicht, dass sich die Leute gut verstehen, es muss auch in den Gemeinden verwurzelt sein", erzählt Rambow.

Ein Ausdruck dieser Normalität ist der Schlüssel für die katholische Kirche, den der evangelische Pfarrer meistens bei sich trägt. Als die renovierte Thomaskirche ihre Tore wieder öffnen konnte, hatte Rambow seinem Kollegen den Schlüssel für das katholische Gotteshaus wieder zurückgeben wollen. Doch der hatte das abgelehnt. "Dieser Schlüssel hat für mich auch eine symbolische Bedeutung", erklärt Rambow: Dass man nicht nur Gast bei dem anderen sei, sondern schon irgendwie zur Familie dazugehöre.

Holger Spierig,
Chefredakteur der Gemeinsamen Redaktion
der Evangelischen Kirchenzeitungen
in Mitteldeutschland

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 13 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 07.04.2003

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