Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!
Aus der Region

"Der Stern leuchtet für alle Menschen"

Sternsingeraktion

Sternsinger bringen an einer Kirchentür den Segen an Empfang der Sternsinger beim Bundeskanzler. Prächtig gekleidet lächeln sie in die Kamera. Es scheint, als freue sich alle Welt auf die Erscheinung des Herrn und seiner königlichen Gesandtschaft. Ist das so?
Ein gottverlassenes Nest, eine kleine Arbeitersiedlung irgendwo in Deutschland wartet auf den Stern der diesjährigen Weihnacht (oder auch nicht). Es ist ein ehemaliges Industriegebiet. Früher Arbeitsort für über 2000 Menschen und Zentrum von Kultur und Technik. Heute, im Jahre elf des geeinten Vaterlandes blicken die Totenaugen aus den verwaisten Fabrikhallen. Resignation, Gleichgültigkeit und eine Form der Ohnmacht haben hier Einzug gehalten. Viele Menschen, besonders junge, sind weggezogen.
Gerade hierhin wurde eine kleine Schar von Sternsingern geschickt, um für arme Kinder in der Welt zu sammeln und die Botschaft vom neugeborenen Jesuskind von Haus zu Haus zu bringen. Christoph, Clemens und Robert zogen verkleidet als Caspar, Melchior und Balthasar los, angeführt von Steve, dem Sternträger. Irgendwie kamen sich anfangs die drei Weisen, die immerhin schon 13 Jahre alt waren in ihrer Verkleidung ein bisschen blöd vor, aber von ihrem Sendungsauftrag beseelt hielten sie vor dem ersten Wohnblock. Christoph, der in dieser Siedlung aufgewachsen ist, mit Eltern und Geschwistern hier wohnt und der Meinung ist, alle Leute hier zu kennen, ging voran.
Zunächst beratschlagten sie, ob die Katholischen und "Unkatholischen" in gleicher Weise besungen werden sollten, aber Steve meinte kurzentschlossen: "Der Stern leuchtet für alle Menschen". Im ersten Haus wohnten drei Familien, zwei davon katholisch. Im Hausflur roch es nach einer Mischung aus Bohnerwachs und Mittagessen. An jeder Wohnungstür wurde geklingelt und der Stern hin und her getragen, aber niemand öffnete. Im nächsten Wohnblock wurde ein Fenster aufgerissen. Ein Mann schaute hinaus und rief, dass er mit Kirche nichts am Hut hat und auch nichts gesungen haben möchte. Zum Glück öffnete sich die erste Haustüre. Alle vier sangen aus Leibeskräften: "Stern über Bethlehem zeig uns den Weg" und sagten ihr Sprüchlein auf. Die Haustüre bekam ihren Aufkleber, die Könige Geld in die Sammelbüchse und Süßigkeiten in den eigens dafür mitgeführten Plastikbeutel. Zwei Frauen kamen aus den oberen Stockwerken, steckten ebenfalls Geld in die Sammelbüchse und sagten, dass nicht noch einmal gesungen werden muss, sie hätten von oben schon alles gehört. Aus dem Nachbareingang liefen ein paar Leute mit Hausschuhen hinters Haus. Um nicht öffnen zu müssen, versteckten sie sich lieber in der Kälte hinter der Hausecke. Eine ältere Frau, die sich über den Gesang der Gesandtschaft sehr freute, wollte erst mal genau wissen, mit welchen "Heiligen" sie es hier zu tun hatte und begann eine ausführliche Befragung. Sie entschuldigte sich, dass sie keine Süßigkeiten im Haus hat: "Hier sind fünf Mark ganz allein für euch, da könnt ihr euch was Schönes kaufen." Dieses Geld verschwand separat in der Hosentasche des Sternträgers, um am Abend mit den Süßigkeiten aufgeteilt zu werden.

Ein ehemaliger Parteisekretär, der mit seiner Frau gerade zum Spaziergang rüstete, rief über die Straße: "Jungs, kommt erst zu uns, wir wollen weggehen". Wunder über Wunder, auch hier klimperte es in der Spendenbüchse. Im Feuereifer ihrer Mission stiefelte die heilige Schar ins Obergeschoss. Christoph klingelte Sturm und Robert malte schon mal mit geweihter Kreide C +M + B an die Tür. Der junge Mann, der die Tür öffnete, begann eine Schimpfkanonade auf die Jungen herabzulassen. Nicht nur der Krach, sondern auch das "Geschmiere" an der Tür war der Grund für seine Wut. Christoph bekam einen Schwamm in die Hand gedrückt und musste die Tür von der heiligen Botschaft säubern. Beim Klingeln und Singen vor dem nächsten Eingang, wurde ein großer wütender Schäferhund an die Tür geschickt, der sogleich die Verfolgung aufnahm. Die Könige samt Gefolge liefen so schnell davon, dass sie fast ihre Kronen und Turbane verloren. Da standen sie nun an der Straßenecke und rangen nach Luft. Tränen liefen über ihre von Kakao und Creme gefärbten Gesichter. Dass es so schwer ist, die Botschaft vom neugeborenen Jesuskind zu überbringen, hätten sie nie gedacht.

"Der Stern leuchtet für alle Menschen" - so machten sie sich gegenseitig Mut und der Wut auf die Segenswünschempfangsverweigerer folgte ein tiefes Mitleid bei dem Gedanken, was der liebe Gott wohl mit diesen Menschen in kommenden Jahr anstellen wird. Sie waren sich sicher, ein Verjagen der Könige wird schwer geahndet. Zum Glück lief es vor den nächsten Wohnungstüren besser, ja, es gab sogar noch einmal fünf Mark als Belohnung für den persönlichen Einsatz dieser himmlischen Delegation, die ebenfalls in die Hosentasche des Sternträgers glitten.

Auf das nächste Haus freuten sich die Könige, denn hier wohnte Christoph und er hatte wirklich gute Vorarbeit geleistet. Einmal singen unter im Flur und schon kamen die Hausbewohner und überbrachten ihre Gaben. Bevor sich die Schar zum Gehen wandte, sagte Christophs Mutter: "Da hinten sind neue Häuser gebaut, da wohnen nur reiche Leute, da werdet ihr viel Geld bekommen."

Erwartungsfroh nahm die heilige Brigade Kurs auf die "Reichen". O ja, das waren prunkvolle Häuser! Am ersten Haus wurde Sturm geklingelt. Nach einiger Zeit erschien eine Frau auf dem Balkon und brüllte: "Ihr Blödmänner müsst doch spinnen, hier so einen Krach zu machen, kann man denn hier nicht mal sonntags schlafen!" Mutig und etwas trotzig sagten die Jungs: "Wir sammeln für arme Kinder in der Welt." Widerwillig wurde ein Geldstück vom Balkon geworfen. Die anderen "Reichen" öffneten nicht einmal, obwohl zu hören war, dass sich jemand im Haus befindet.

Das Kleeblatt war mittlerweile so frustriert, erfroren und müde, dass es nicht einmal wütend werden konnte. Steve hielt seinen Stern am Besenstiel krampfhaft in der Hand und sagte: "Jungs, wenn die reichen Leute kein Geld haben für die armen Kinder, dann wollen wir unser Geld geben", holte die beiden Fünf-Markstücke aus seiner Hosentasche und ließ sie in der Sammelbüchse verschwinden. Diese Tat erfüllte alle vier Jungs mit so großer Freude und Genugtuung, dass sie nun Mut hatten, die letzten Häuser mit ihrem Segen zu beschenken. Freilich gab es auch Menschen, die sich wirklich freuten, dass sie von solch einem heiligen Ensemble besucht wurden. Einige hatten auch schon gewartet, aber viele Leute ließen ihre Türen verschlossen. Doch auch diese bekamen, trotz der Schwamm-Erfahrung die Segenszeichen an ihre Türe gemalt oder geklebt. Auf dem Weg dieser Sternsinger-Bruderschaft lagen nun noch eine Disco und eine Tankstelle. Die Disco war geschlossen. "Die Jugendlichen, die hier ein- und ausgehen, brauchen den besonderen Schutz des Jesuskindes" sagte Robert und Clemens malte die Botschaft mit großen Buchstaben an die Eingangstüre.

Nun noch die Tankstelle. Hier war reger Betrieb. An einem Tisch in der Ecke saßen einige Leutchen und tranken Kaffee. Mutig trat das Team durch die automatisch geöffnete Tür, stellte sich in den Innenraum und sang aus Leibeskräften, aber je lauter ihre Lieder erklangen, desto lauter diskutierten die Leute am Tisch. Alle Sprüchlein waren aufgesagt und alle Lieder gesungen. Die Benzinverkäuferin stand etwas hilflos hinter dem Ladentisch und fragte, was sie denn tun müsse. Christoph sagte: "Wir sammeln Geld für die armen Kinder auf der Welt". Die Frau zuckte mit den Schultern und sagte bedauernd, dass der Chef ihr kein Geld für diesen Zweck gegeben hat. Die Gäste in der Tankstelle lachten nur und ignorierten die heilige Schar. Beim Gehen sahen sie noch, wie die Angestellte mit Fensterputzmittel die gemalte Botschaft fein säuberlich entfernte. Völlig kaputt, fast erfroren und etwas traurig beendeten diese Jungen ihren Auftrag. Gern hätten sie mehr getan für die armen Kinder und das Christkind, gern wären sie mit einer größeren Ausbeute zum Pfarrer gegangen.

Sie hatten alles gegeben, was vier Jungen von 13 Jahren zu geben imstande waren. Unsere heilige Gesandtschaft wollte den Stern für alle Menschen leuchten lassen, und irgendetwas von diesem Glanz ist auf die vier Jungen übergesprungen. Zum ersten Mal haben sie Herbergssuche und das Gloria der Engel gleichermaßen in ihrem Herzen gespürt. Uns aber, die wir diese Geschichte lesen, haben diese Jungen mit ihrem Sendungsbewusstsein vielleicht etwas ermutigt.

G. Reinhardt

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 4 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 28.01.2001

Aktuelle Buchtipps