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Bistum Magdeburg

"Besonders gefährdet sind Jugendliche"

Caritas-Sozialarbeiter Ewald Kittner ist seit gut 20 Jahren in der Suchtberatung tätig

Ewald Kittner: <p> "Am meisten gefährdet sind Jugendliche", sagt Ewald Kittner. "An die 50 Prozent der jungen Leute probieren Drogen aus. Und die Erfahrung zeigt: Wer eines Tages nicht mehr mit seinem Konsumverhalten zurecht kommt, hat mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit in Jugendjahren damit angefangen, Suchtmittel zu nehmen."

Caritas-Diplom-Sozialarbeiter Kittner ist seit mehr als 20 Jahren in der Region Stendal in der Sucht- und Drogenberatung tätig. Der 47-Jährige bietet Beratung an, hat eine Selbsthilfegruppe für Suchtkranke und deren Angehörige initiiert und ist für deren Mitglieder Ansprechpartner. Insgesamt 68 Mal waren er und seine Kollegin im vergangenen Jahr in Ausbildungseinrichtungen und Betrieben, zu Elternabenden und in Gemeinden unterwegs, um über die Gefahren, drogenabhängig zu werden, aufzuklären. "Da gibt es einen großen Bedarf", sagt Kittner. Bücher über Sucht, über Pflanzen, aus denen Drogen gewonnen werden und über rechtliche Fragen füllen dementsprechend neben zahlreichen Ordnern die Schrankwand in seinem Büro.

Von 261 Klienten, die im vergangenen Jahr zu Kittner und seiner Kollegin in die Beratung kamen, waren 130 alkoholkrank, 15 davon waren Frauen. 67 Männer und 21 Frauen waren drogenabhängig, der Rest essgestört, spielsüchtig. Insgesamt fanden 2048 Kontakte statt. Viele der Klienten sind im Alter zwischen Ende 30 und Ende 40.

Aber es kommen auch Eltern, die ratlos sind, was sie tun sollen, weil ihre Kinder illegale Drogen nehmen und dazu oft noch Alkohol trinken, sagt der Sozialarbeiter, und zeigt eine Übersicht über Preise für ein Gramm Kanabis, Marihuana, Haschisch, Heroin. "Wichtig ist, einen guten Draht zu seinen heranwachsenden Kindern zu haben, sich für sie zu interessieren, Veränderungen wie zum Beispiel andere Freunde oder erhöhten Geldbedarf zu bemerken", rät Kittner zur Vorbeugung und bedauert, dass es seitens des Caritasverbandes nur in Stendal eine vom Land anerkannte Sucht- und Drogenberatungsstelle gibt. Denn Möglichkeiten, Menschen zu helfen, erst gar nicht süchtig zu werden oder aus der Sucht wieder herauszufinden, sieht er durchaus: "Es gibt zum Beispiel motivierte Leute, die ihr Leben ändern und es schaffen, von der Sucht wegzukommen", sagt der Berater.

Zunächst hatte Ewald Kittner, der in Blankenburg im Harz aufwuchs, Landmaschinen- und Traktorenschlosser gelernt. Auf der Suche nach einem ihn ausfüllenden Beruf -"vielleicht sogar nach der eigenen Berufung", wie er sagt -absolvierte er ein pflegerisches Praktikum im Krankenhaus, lernte die pädagogische Arbeit in einem Kinderheim kennen und begann schließlich mit der Ausbildung zum Caritas-Fürsorger. Im anschließenden Berufsanerkennungsjahr war er immer wieder mit Suchtabhängigen konfrontiert und entschied sich, in diesem Bereich der sozial-karitativen Arbeit aktiv zu werden. "Ich identifiziere mich bis heute mit dem Aufbau der Suchtkrankenhilfe", sagt der Diplom-Sozialarbeiter, zumal die Zahl der Betroffenen trotz der ohnehin schon hohen Zahl noch immer leicht steigt. "Bereits zu DDR-Zeiten waren diejenigen, die sich um Suchtkranke kümmerten, hochmotivierte Leute -denn das wollte keiner machen. Und Suchtkranke gab es ja offiziell kaum", erinnert sich der Berater. Nach der Wende war diese in der DDR geleistete Aufbauarbeit auf einmal auch öffentlich akzeptiert. Auch die von Ewald Kittner aufgebaute Caritas-Einrichtung in Stendal erhielt durch das Land Sachsen-Anhalt die Anerkennung als Sucht- und Drogenberatungsstelle.

Gemeinsam mit einer Kollegin und einer Verwaltungsangestellten ist Ewald Kittner für Suchtkranke im Raum Stendal zuständig. Einmal pro Woche findet auch in Osterburg Beratung statt.

Angesichts der Geldknappheit -so haben bislang Bund und Land für die Monate Januar, Februar und März ihre Anteile noch nicht an die Caritas überwiesen -befürchtet Kittner, es könnten inzwischen gewachsene Strukturen wieder zurückgeschnitten werden. Dabei hat die Caritas 2003 bereits einen geplanten Trägeranteil von 28,25 Prozent zu leisten. "Was wir brauchen, ist eine verlässliche kontinuierliche Absicherung der Arbeit und nicht immer wieder neue Projekte, die nach bestimmter Zeit wieder eingestellt werden", sagt Kittner.

Nach seinem eigenen Verhältnis zu Alkohol befragt, sagt Kittner, er habe ein Jahr lang mal keinen Tropfen getrunken, um zu erahnen, wie es Suchtkranken, die aufhören, ergeht. "Ich verteufle aber Wein und Bier nicht. In Maßen getrunken sind sie schließlich auch ein Genussmittel und können Ausdruck der Lebensfreude sein. Nur ist die Grenze zur Sucht sehr fließend."

Eckhard Pohl

Infos / Kontakt:
Ewald Kittner,
Stendal,
Brüderstraße 25,
Tel. (0 39 31) 71 55 66;
Außenstelle Osterburg,
Wallpromenade 25,
Telefon: siehe Stendal

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 12 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Samstag, 22.03.2003

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