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Bistum Dresden-Meißen

Eine Kirche, die ihren Dienst getan hat

Die alte St.-Elisabeth-Kirche in Gera bot 100 Jahre den katholischen Christen ein Zuhause / Neubau w

Blicke in die Geschichte: Die Eheleute Reimann gaben anlässlich des 100. Kirchweihfestes der Geraer ElisabethKirche Einblicke in die Chronik.

Gera (jak) -Auch wenn das Jubiläumsjahr für die alte St.-Elisabeth- Kirche in Gera eigentlich das Ende bringt, stand das 100. Jubiläum der Kirchweihe -das am 16. März gefeiert wurde -im Zeichen der Dankbarkeit. In Ausschnitten aus der Chronik, die das Ehepaar Gerhard und Dorothea Reimann während der Vesper am Abend vorstellten, wurde deutlich, wie hier Generationen von katholischen Christen ein Zuhause erfuhren. In der Kirche brachten sie ihre Sorgen vor Gott, empfingen die Sakramente, fanden sie Trost, Zuspruch und Wegweisung für ihre Leben. Zuerst waren es Arbeiter, Handwerker und kleine Händler, die sich im Zuge der Industrialisierung in Gera niederließen. Nach 1945 kamen die Vertriebenen hinzu, die ihre angestammte Heimat verlassen mussten. Vorgelesen wurde während der Vesper unter anderem ein Bericht von der Kirchweihe im Jahr 1903. Darin heißt es: "Am 15. März 1903 aber feierte die Gemeinde ein besonderes herrliches Fest. Der hochwürdige Herr Prälat Maatz (aus Dresden) vollzog unter Assistenz des Herrn Pfarrers aus Jena und eines Kaplans aus Plauen die Weihe der neuen Kirche. Der erhabenen Feier mit Levitenamt wohnten Se. Durchlaucht der Erbprinz mit Gefolge sowie zahlreiche Vertreter der Behörden bei, und man konnte erkennen, zu welchem segensreichen Aufblühen die katholische Gemeinde erstarkt war. Erbauer des Kirchleins ist Herr Architekt Schmidt aus Gera. Die Festpredigt hielt Herr Pfarrer Braun. Der musikalische Teil wurde von der Militärkapelle sowie von dem hiesigen Kirchenchor mit Hilfe einiger katholischer Lehrer aus Zwickau und Leipzig ausgeführt. Die schöne Feier schloss nach 12 Uhr mit sakramentalem Segen und dem Gesang ,Großer Gott, wir loben dich'. Auch Gemeindefeiern fanden anlässlich der Kirchweihe statt."

Nach der Gemeindegründung im Jahr 1894 kaufte die Geraer Gemeinde ein Grundstück an der Nikolaistraße, auf dem sich eine in Konkurs gegangene Weberei befand. Im Mai 1902 schließlich lag die Genehmigung vor, die Fabrikhalle in eine Kirche umzubauen, was innerhalb kurzer Zeit erfolgte. Erinnert wurde weiter an die zahlreichen Baumaßnahmen, die zur Umgestaltung nach der Liturgiereform oder zur Instandsetzung immer wieder nötig waren. Deutlich wurde dabei, dass es dabei ohne Spenden und Eigenleistung nicht ging. Nur ein Beispiel dafür ist der 1994 zum 100. Gemeindejubiläum erfolgte neue Außenfarbanstrich. In den Chronik-Ausschnitten wurde unter anderem auch auf die kirchenmusikalische Tradition hingewiesen. Hier nur zwei Höhepunkte: Die 1940 in Betrieb genommene Orgel und der seit nunmehr fast 25 Jahren agierende Kirchenchor unter der Leitung von Kantor Michael Formella. Gedankt wurde weiter den Generationen von Seelsorgern und Helfern. Insgesamt zehn Pfarrer, 45 Kapläne und sieben Gemeindereferentinnen haben bisher in St. Elisabeth Dienst getan. Heute wird die zirka 3500 katholische Christen zählende Gemeinde von Pfarrer und Dekan Klaus Schreiter, Kaplan Thomas Mandler und Gemeindereferentin Maria Ihl betreut. Erinnert wurde zudem an Pfarrer im Ruhestand Bernhard Sahler, der von 1974 bis 1996 in Gera wirkte und für sein Engagement 1999 mit der Ehrenbürgerwürde geehrt wurde, die Bernhard Sahler stellvertretend für all seine Mitstreiter annahm.

Bis Anfang November wird die katholische Gemeinde weiterhin in der alten St.-Elisabeth- Kirche ihre Gottesdienste feiern. Am 15. November wird dann die neue Kirche geweiht, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft ebenfalls an der Nikolaistraße befindet. Zur feierlichen Vesper -die Kantor Michael Formella und der Kirchenchor gestalteten -wurde die Hoffnung und der Wunsch deutlich, dass die Gemeinde ihre Lebendigkeit und ihr Engagement mit in die neue Kirche nimmt.



Zurückgeblättert: Die Posaunenmesse

Eine Begebenheit aus er Geschichte der Geraer St.-Elisabeth- Kirche schilderte Gerhard Desczyk in seinem Buch "Zwischenfälle": 1913 erhielt das Infanterie- Regiment 96 einen neuen Kommandeur, Oberst Sonntag. Der neue Kommandeur war Katholik; solches war in Gera bislang noch nicht vorgekommen. Zudem war er es nicht nur dem Taufschein nach; er machte sofort dem katholischen Pfarrer einen Antrittsbesuch und sicherte sich und den Seinen Plätze in der vordersten Kirchenbank.

...Die katholische Pfarrkirche in der Nikolaistraße war 1903 aus einem alten Webereigebäude entstanden ...Beim Umbau hatte man nur die Zwischendecken herausgenommen, entsprechend große Fensteröffnungen geschaffen, auf der einen Seite einen Chor eingezogen, auf der anderen Seite eine Apsis angesetzt. Als meine Mutter, die von Schlesien her ansehnliche Kirchenräume gewohnt war, diesen schmucklosen Bau zum ersten Male betrat, wollte sie wieder umkehren: "Nein, das hier ist doch keine Kirche!"

In diesem ärmlichen Rahmen erschien Oberst Sonntag in großer Uniform, ein strahlender Stern auf glanzlosem Grunde. Die Katholiken Geras machten große Augen. Dem Oberst, der aus dem Rheinland stammte und auch seinerseits Vergleiche ziehen mochte, fielen unter anderem die kümmerliche Orgel und der schwächliche Gemeindegesang auf. Er beschloss, da Abhilfe zu schaffen.

Vom nächsten Sonntag an fanden sich auf dem Chor der Kirche einige Mitglieder der Regimentsmusik ein. Sie untermalten die Gesänge der Gemeinde und das Spiel der Orgel mit Klarinetten und Pfeifen, mit Trompeten und Posaunen. Der Kirchenraum, bei dessen Gestaltung die primitivsten Gesetze der Akus- tik souverän missachtet worden waren, antwortete mit vielfachem Echo. Als beim Gloria die ersten Posaunenstöße durch die Kirche hallten, meinte ich, die Decke werde herunterkommen. Bei manch anderen Mitgliedern der Gemeinde aber machte die Posaunen-Messe einen tiefen Eindruck. Es gab Stimmen, die mit heller Begeisterung zum Ausdruck brachten, noch nie sei der Gottesdienst hier so schön gewesen wie jetzt.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 12 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Samstag, 22.03.2003

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