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Aus der Region

Wir befehlen, gehorchen...aber leben zu wenig

Zum 80. Geburtstag des Schriftstellers Kurt Marti

Auf die Frage, ob er ein christlicher Dichter sei, hat Kurt Marti unter anderem geantwortet: "Wenn das Adjektiv christlich hierbei auf Jesus, den Christus, bezogen wäre - gut, dagegen wollte ich nichts sagen."

Geboren wurde Kurt Marti am 31. Januar 1921 in Bern. Nachdem er evangelische Theologie studiert und als Dorfpfarrer gearbeitet hatte, kam er 1961 nach Bern zurück und wurde dort Pfarrer. In Bern lebt er noch heute. Als er sich 1983 in den Ruhestand versetzen ließ, begründete er diesen Schritt folgendermaßen: "Mit der Zeit stellte ich fest, dass für mich all die Pflichten und Termine, die ein solches Amt mit sich bringt, nicht mehr eine so große He-rausforderung bedeuten, ja teilweise gerieten sie gar zu Routinearbeiten. Ohne Raster von Terminen frei zu arbeiten, bedeutet mir im Moment die größere Herausforderung. Die will ich aber annehmen, solange ich noch die Kraft dazu habe. Ich möchte nicht vom Berufsleben direkt ins Altersheim oder Spital gehen müssen."

Kurt Marti macht es sich nicht leicht, er ruht sich nicht auf einmal Erreichtem aus. Das gilt für den Pfarrer ebenso wie für den Dichter. Stets bemüht er sich um das genaue Wort. In den Predigten will er nicht mit traditionellem christlichen Vokabular umgehen, sondern bemüht sich, den Bibeltext, über den er predigt, so in den gegenwärtigen Alltag hineinzunehmen, dass "am Ende etwas herausspringt, eine Art Gewissheit, ein So-und-nicht-anders-spricht-jetzt-der-Herr." Er will seine eigenen Fragen und Unsicherheiten ins Meditieren des Predigttextes hineingeben, und - sie auch aussprechen. Und beim Dichten? "Zart und genau" soll die Sprache des Dichters sein. Das heißt, es soll eine bei aller Präzision doch menschliche Sprache sein. Die Wahrheit, oder was dafür gehalten wird, soll dem Menschen nicht um die Ohren gehauen werden, sondern sie soll ihn zu größerer Lebendigkeit befähigen.

Im Mittelpunkt seines Lebens steht die Liebe. "Außerhalb der Liebe kein Heil! Und auch keine Zukunft für unsere Welt." Kurt Marti hat sich in der ökumenischen Bewegung und beim Bemühen um Kirchenreformen engagiert sowie in mehreren Organisationen für Frieden, Abrüstung und Unterstützung der Dritten Welt."

Zu schreiben hat er als Dorfpfarrer begonnen. 1958 erschien sein erster Gedichtband "Boulevard Bikini", ein Jahr später folgten die "republikanischen gedichte". Sein bekanntestes Buch ist "Leichenreden" (1969). "Wir befehlen zu viel / wir gehorchen zu viel / wir leben zu wenig" heißt es darin. Marti schreibt über alltägliche Menschen. In ihren Schicksalen erkennen wir uns wieder. Die Gedichte halten uns den Spiegel vor, und wir erkennen, dass wir unser eigenes ungelebtes Leben betrauern müssen. Zur Trauer aber kommen auch Dankbarkeit und Empörung. Wir werden im tiefsten aktiviert, unser eigenes Leben zu ändern und für die Menschen neben uns freundliche Bedingungen zu schaffen. Das ist kein Aufruf zum Klassenkampf, aber auch kein "verbürgerlichtes Liebes-Blabla". Es ist die Erkenntnis von der Geschwisterlichkeit aller Menschen, die in der Liebe Gottes begründet ist.

Jürgen Israel

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 4 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 28.01.2001

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