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David und Goliat: Die Bibel unterscheidet nicht immer Faktum und Deutung

Alttestamentler Georg Hentschel zum Verständnis der Heiligen Schrift

Wer hat den Philister Goliat erschlagen? Natürlich kennen wir alle die in Kunst und Literatur immer wieder behandelte Erzählung, wonach der Hirte David mit seinen einfachen Waffen dem großen Spötter aus dem Philisterland ein Ende bereitet hat (1 Sam 17). Wer aber die Heilige Schrift etwas genauer gelesen hat, weiß, dass es noch eine andere Notiz gibt (2 Sam 21,19): „Als es wieder einmal bei Gob zum Kampf gegen die Philister kam, erschlug Elhanan, der Sohn Jaïrs aus Betlehem, den Goliat aus Gat, dessen Speer einem Weberbaum glich.“

Fragt man die Historiker des alten Israel, dann versichern sie einmütig, dass der kurze Hinweis im zweiten Samuelbuch der geschichtlichen Wahrheit vermutlich weitaus nahe kommt. Denn die Heldentat kann sehr wohl von dem unbekannteren Elhanan auf den berühmten König Israels übertragen worden sein, der die Hegemonie der Philister später endgültig gebrochen hat (2 Sam 8,1). Dann erhebt sich allerdings die Frage: Durfte der biblische Erzähler den Sieg über Goliat von Elhanan auf David übertragen? Warum wird diese Erzählung sogar in der Katechese aufgegriffen, wenn es gar nicht so geschehen ist?

David gegen Goliat: Nicht militärische Macht, sondern Gott entscheidet

Nachdem wir uns diese Fragen gestellt haben, lohnt es sich, die Erzählung noch einmal genauer zu lesen. Wir werden bald merken, dass es hier nicht nur um David und Goliat geht, sondern um den Kontrast zwischen dem einfachen Hirten, der sich in einer geborgten Rüstung nicht bewegen kann, und dem schwer bewaffneten Einzelkämpfer Goliat. Außerdem dürfen wir die Worte Davids nicht überhören (1 Sam 17,45): „Du kommst zu mir mit Schwert, Speer und Sichelschwert, ich aber komme zu dir im Namen des Herrn der Heere, des Gottes der Schlachtreihen Israels, den du verhöhnt hast.“ Nicht die militärische Macht, sondern der Herr, der Gott Israels, entscheidet über Sieg und Niederlage, über Freiheit oder Knechtschaft. Die Erzählung hebt in ihrer vorliegenden Gestalt hervor, dass das Volk Israel seine Unabhängigkeit nicht so sehr David, sondern vor allem Gott zu verdanken hat.

Solche Auslegung wirft freilich für den heutigen Leser ein Problem auf: Ist das nicht eine bloße Deutung, die der geschichtlichen Wahrheit – den Fakten – nicht Stand hält? Dabei geht seine Frage von unseren gängigen Begriffen „Faktum“ und „Deutung“ aus. Diese Kategorien sind aber unzulänglich. Sie können die geschichtliche Wirklichkeit nicht voll erfassen.

Ein Beispiel aus unserem Alltag mag das beleuchten: Der Ehemann ist auf Dienstreise und ruft jeden Abend seine Frau zu Hause an. Die Frau freut sich und erzählt es ihrer Freundin. Diese ist jedoch skeptisch und fragt: „Ist das ein Zeichen von Liebe und Verbundenheit? Oder will er auf diese Weise verschleiern, dass er den übrigen Abend mit seiner Sekretärin verbringt?“ Wir dürfen einmal voraussetzen, dass in diesem konkreten Fall die Ehefrau mit ihrer „ Deutung“ Recht hat. Hinter ihrem Verständnis des allabendlichen Telefongespräches steht eine Wirklichkeit, auch wenn sich diese nicht so leicht objektivieren lässt. Die richtige „Deutung“ ist nur deshalb wahr, weil sie mit einem „deutbaren Geschehen“ übereinstimmt. Genau genommen müsste man von zwei Ebenen und vier Begriffen sprechen und eben nicht nur von Faktum und Deutung: Auf der Ebene des Geschehens gibt es das Faktum Telefongespräch, das als Ausdruck der Treue gedeutet wird. Auf der zweiten, der sprachlichen Ebene gibt es die Mitteilung an die Freundin und die Deutungen durch die Ehefrau und die Freundin.

Wer erkannt hat, dass unsere Begriffe unzulänglich sind, darf allerdings weiter fragen: Können wir die biblische Sicht und ihre Kategorien einfach übernehmen? Die Bibel unterscheidet nicht das messbare Geschehen von der jener tieferen Wirklichkeit, die sich nicht objektiv beobachten lässt. In der Erzählung von David und Goliat ist die Enthauptung Goliats ebenso Geschichte wie die Hilfe des Herrn. Zwischen dem Faktum und dem Deutbaren wird nicht unterschieden. Das macht die Lektüre der Bibel nicht einfach. Vor allem dann, wenn von einem massiven Eingriff Gottes erzählt wird – also von einem Wunder – , liegt die Gefahr nahe, dass jemand trotz guten Willens die Heilige Schrift wieder zuschlägt.

Kann ein Christ ohne theologiosche Bildung dann überhaupt noch die Bibel lesen, wenn er erst einmal über sein Verständnis von Geschichte nachdenken muss? Wenn er wirklich Christ und Mensch ist und an hohen intellektuellen Auseinandersetzungen nicht interessiert ist, wird er bei diesem Problem kaum scheitern. Wer sich aber tagtäglich mit komplizierten Fragen in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft beschäftigen muss, darf durchaus wissen, dass die Übersetzung der Heiligen Schrift noch nicht abgeschlossen ist, wenn der Wortlaut aus dem Hebräischen oder Griechischen in eine halbwegs verständliche Muttersprache übertragen ist. Gott hat uns den Verstand auch deshalb gegeben, damit wir uns in Bezug auf ihn und auf die reiche Tradition des Volkes Gottes orientieren können. Glaube und Wissen sind keine Gegensätze, sondern Wissen ist eine Voraussetzung des Glaubens.

Georg Hentschel

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 0 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Dienstag, 18.03.2003

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