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Auf zwei Minuten

Theologie ist gleich einer LAndkarte

Wer glaubt, läßt sich auf etwas ein, was den ganzen Menschen fordert

Pater Damian

Glauben an Gott bedeutet einen lebendigen Bezug auf sein Wort, Annehmen seiner Gnade und Liebe, Antwort im Gebet, Zeugnis der Nächstenliebe. Der Glaube ist kein Vorrecht des gelehrten Theologen. Auch einfache Menschen und Kinder können glauben.

Wer glaubt, lässt sich auf etwas ein, das den ganzen Menschen fordert mit all seinen Anlagen und Kräften, mit Herz und Verstand. Der Glaube muss aber mit dem Menschen wachsen und reifen. Wenn ein Erwachsener betet, darf er sich nicht mit den gleichen kindlichen Vorstellungen von Gott zufrieden geben, die er als fünfjähriges Kind hatte. Das ist eigentlich selbstverständlich, aber es gibt Christen, die wenig über ihren Glauben nachdenken und das als überflüssig erachten.

Der englische Literaturhistoriker und Schriftsteller C. S. Lewis (gest. 1963) hat sich in vielen Studien kritisch mit Christsein und Theologie auseinandergesetzt. Er berichtet: "Bis zu einem gewissen Grad verstehe ich ganz gut, warum die Theologie für manche ein Umweg ist. Ich erinnere mich, wie einmal nach einem Vortrag, den ich vor Fliegern hielt, ein alter, abgebrühter Offizier aufstand und sagte: ,Ich kann mit all dem Zeug nichts anfangen. Aber verstehen sie mich recht: Ich bin kein unreligiöser Mensch. Ich weiß, es gibt einen Gott, ich habe seine Gegenwart gespürt, da draußen in der Wüste, allein in der Nacht: Ein gewaltiges Mysterium. Und gerade deswegen glaube ich nicht an die säuerlichen kleinen Dogmen und Formeln, die ihr für ihn habt. Jeder, dem Gott wirklich begegnet, findet all dies so unbedeutend, so pedantisch und unwirklich.'" C. S. Lewis gibt dem Mann teilweise recht: Ein echtes Gotteserlebnis kann nicht durch Glaubenssätze ersetzt werden. Wenn jemand vom Strand aus auf das weite Meer hinaus blickt und dann sich diese Gegend auf einer Karte im Atlas anschaut, dann begibt er sich von einer realen Welt in eine weniger reale. "Von wirklichen Wellen wendet er sich zu einem farbigen Stück Papier. Aber die Karte beruht auf den Erfahrungen von Hunderten und Tausenden von Seeleuten, die das reale Meer befahren haben ... Und die Karte ist absolut unentbehrlich für jeden, der irgendwohin reisen will." (C. S. Lewis). So ist die theologische Lehre nicht Gott. Sie ist wie eine Landkarte. Aber diese Landkarte beruht auf der Erfahrung vieler Menschen, die einen wirklichen Zugang zu Gott hatten. Zwar wird man nirgendwo hin gelangen, wenn man nur auf die Karte starrt, ohne sich aufs offene Meer zu wagen. Umgekehrt gilt aber auch: Man wird sich einigermaßen unbehaglich und verloren fühlen, wenn man sich ohne Karte auf hoher See befindet. Theologie soll Weisung und Orientierung sein, kann aber nicht die lebendige Glaubenserfahrung ersetzen.

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 9 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 12.03.2003

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