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Bistum Erfurt

Der lange Weg zur Ökumene

Die Zusammenarbeit der Thüringer Kirchen ist gut / Trotzdem ist noch mehr drin

Erfurt -Vorige Woche hätte man sie fast für Zwillinge halten können, die beiden Bischöfe von Thüringen, Joachim Wanke und seinen evangelischen Amtskollegen Christoph Kähler. Beim gemeinsamen Hintergrundgespräch mit Politikern, in einer Zeitungsredaktion zum Thema Jahr der Bibel und am 22. Februar beim Vortreffen zum Berliner Ökumenischen Kirchentag saßen sie Seite an Seite und waren sich einig -meistens jedenfalls.

Ökumene, ist Joachim Wanke überzeugt, werde weitgehend als Grundeinstellung in den Gemeinden akzeptiert. Zwar habe es mit der Wende im Jahr 1989 eine Zäsur gegeben, man sei in der Normalität angekommen und wieder in größere Kontexte eingebunden, aber man habe eine gemeinsame "christliche Grundlinie" und müsse in der "Verteidigung des Humanen", in der Diskussion um sozialethische Fragen und im Gespräch mit anderen Religionen noch stärker zusammenrücken. In der Gemeindepraxis gebe es so viel an selbstverständlicher Zusammenarbeit -gerade im Blick auf das Jahr der Bibel.

Auf der Gemeindeebene hätten sich Katholiken und Evangelische "erheblich aufeinander zu bewegt", konstatierte auch der Thüringer Landesbischof Christoph Kähler. Zu DDR-Zeiten habe man "Rücken an Rücken" gestanden. Nach dieser "Zwangsgemeinschaft", die die Ökumenische Versammlung als "kostbares Geschenk" hervorgebracht habe, dürfe man nun nicht auseinander laufen oder sich gegenseitig ein Bein stellen.

Angesichts einer Mehrheit von Konfessionslosen müsse man gemeinsam für das Christentum werben. Mit der größeren Freiheit gebe es auch mehr Konfliktzonen, so Kähler weiter. Als Beispiel nannte er den ökumenischen Religionsunterricht, den die katholische Kirche bislang ablehnt. In Sachsen-Anhalt beispielsweise komme so in vielen Fälle die erforderliche Schülerzahl nicht zusammen. Das verhindere den Religionsunterricht auch für die Evangelischen. Im Christlichen Gymnasium Jena habe man sich jetzt auf ein Modell geeinigt, das gemeinsame und parallele Phasen vorsehe.

Symbolische Handlung beim Kirchentag?

Den "Skandal des getrennten Abendmahles zu überwinden", nannte Landesbischof Kähler als Ziel ökumenischer Zusammenarbeit. Dass dies beim Ökumenischen Kirchentag schon erwartet wurde, sei "von vornherein unrealistisch" gewesen, so Joachim Wanke. Je näher man zusammenrücke, umso schmerzlicher fühle man die Unterschiede. Aber man müsse den Weg "in Redlichkeit und gegenseitigem Respekt" weitergehen und versuchen, sich mit den Augen des anderen zu sehen.

Der ehemalige Erfurter evangelische Propst Heino Falcke plädierte für eine symbolträchtige Zeichenhandlung beim Abschlussgottesdienst des Ökumenischen Kirchentages. Rund um den Reichstag könnten viele Altäre stehen, an denen jeweils Eucharistie oder Abendmahl gefeiert werde. Es sei dann die Gewissensentscheidung des Einzelnen, wo er hingehe. Ein Zeichen der Einheit in der Verschiedenheit.

Wenn es um ökumenische Zusammenarbeit auf Gemeindeebene geht, ist Erfurt ein Paradebeispiel, freilich eher Ausnahme als Regel. Auf dem Vortreffen zum Kirchentag zogen nicht nur die Bischöfe Bilanz, sondern auch die Gemeindeglieder. Wenn die Chemie stimmt zwischen den Verantwortlichen, ist vieles möglich, ist ihre Erfahrung. "Und damit haben wir in Erfurt Glück gehabt", stellt Ilse Neumeister, ein "ökumenisches Urgestein", fest.

Hier wird nicht nur seit fast 25 Jahren jede Woche zusammen um Frieden gebetet und eben so lange der "Martini" vorbereitet, ein internationaler Orgelwettbewerb gemeinsam ausgeschrieben und zum Segnungsgottesdienst am Valentinstag eingeladen. Hier treffen sich regelmäßig die Pfarrer beim ökumenischen Konvent und das Leitungsteam in der ökumenischen Leitungsrunde, Kirchenchöre proben zusammen und singen wechselseitig, die Telefonseelsorge wird von beiden Kirchen getragen, die Jugend- und Studentenarbeit kooperiert, die Behinderteneinrichtung Christophoruswerk ist eine gemeinsame Unternehmung, in der Hospizarbeit oder der Offenen Jugendarbeit spielt die Konfession keine Rolle. Einzelne Projekte und sponatane Aktionen sind bei dieser Aufzählung noch gar nicht berücksichtigt.

Alles eitel Sonnenschein? Einige Wünsche hätte man schon noch. Mehr Evangelische im ökumenischen Gottesdienst, engere Zusammenarbeit bei der Krankenhausseelsorge, und in der Jugendarbeit sei man auch schon mal weiter gewesen. Trotzdem: Je länger desto mehr wächst zusammen, was zusammen gehört. Und je besser man sich kennen lernt, desto weniger Chancen haben die alten Vorurteile von den "falschen Katholiken" oder den "laxen Evangelen"...

Christine Lässig

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 9 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 12.03.2003

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