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Bistum Erfurt

"Oft tappen wir im Dunkeln"

Einige Kapitel der Baugeschichte des Erfurter Domes müssen umgeschrieben werden

Medieninteresse: Der Leiter des Dombauamtes, Andreas Gold, zum Stand der Sanierung.

Erfurt -Eine große Aluminiumwand trennt den Hohen Chor von den neugierigen Blicken der Besucher im Langhaus des Erfurter Doms. Altar, Ambo und Teile des Chorgestühls sind sicher in Folien verpackt. Die Bauarbeiten an den Türmen des Erfurter Doms gehen voran. Das zeigte ein Ortstermin mit Medienvertretern am 12. Februar, bei dem der Leiter des Erfurter Dombauamtes, Andreas Gold, und Gerhard Schade vom Architektenbüro Rittmannsperger und Partner den Stand der Sanierung erläuterten. Umfassende Untersuchungen brachten neue Erkenntnisse: Zum Beispiel über den Einfluss des Glockengeläutes auf die Standfestigkeit der Türme. "Das Mauerwerk um die Glocken herum ist nicht in Ordnung”, so Gold. Risse verhinderten, dass die Schwingungen abgefangen werden.

Mit Spannung wurden deshalb die Ergebnisse der Messungen erwartet, die von der Bauhaus- Universität in Weimar durchgeführt wurden. "Wenn die Glocke im Südturm schlägt, bewegt sich der Nordturm, wenn die im Nordturm läutet, bewegt sich der Südturm", erklärt Andreas Gold. Der mittlere Turm bewege sich in Ost-West-Richtung, sobald die Gloriosa geläutet wird. Dadurch entstünden die Risse und Hohlräume im Mauerwerk. Eine Millimetersache, die aber verheerende Auswirkungen haben und die Türme zum Einstürzen bringen könnte.

Die Witterung beschädigte das Mauerwerk

Die Bauarbeiten begannen im Oktober 2002. Seitdem ist der Chorraum für den Besucherverkehr gesperrt. Bereits 1992 wurden die Türme von außen saniert. Zur ihrer Sicherung reichte das jedoch nicht aus.

Verschiedene Faktoren trugen im Laufe der Zeit zum Zustand der Türme heute bei. So wurde im 13. Jahrhundert eine Wand zwischen Nord- und Südturm entfernt, die nun zur Sicherung wieder errichtet werden soll. Auch entstanden Schäden aus zahlreichen Bränden, die aus finanziellen Gründen nicht ausreichend behoben werden konnten. Frost, Regen und Sturm beschädigten das Mauerwerk zusätzlich. Die Sanierungen begannen mit der Restauration der Mauerwerksoberfläche. Hohlräume und Risse wurden verpresst, sowie Ankervorrichtungen zur Sicherung der Türme angebracht.

Zwischen Nord- und Südturm gibt es eine Zeitverschiebung der Bauarbeiten. Während der Mörtel in einem Turm trocknet, kann so am anderen Turm gearbeitet werden. Durch Radarmessungen im Januar war es möglich, die Hohlräume im Mauerwerk der Türme genau zu lokalisieren. Dabei wurden die Wände Stück für Stück abgetastet. Das Ergebnis zeigte, dass die Anzahl der Hohlräume nicht so groß ist, wie erwartet. Die geplante "Vernadelung des Mauerwerks", bei der die Mauerschalen durch Edelstahlnadeln wieder miteinander verbunden werden, ist somit nicht nötig. "Wir brauchen die Türme jetzt nicht mehr zu durchlöchern wie einen Schweizer Käse", sagte Gold.

Weiterhin zeigten die Radarmessungen unter dem Fußboden des Hohen Chores Fundamente, von denen noch unklar ist, woher diese stammen. In den Glockenstühlen sollen Schalldämpfer angebracht werden. "Die Gloriosa liegt super. Die Wände dort sind aus Stahl und müssen nur gereinigt werden.", freute sich Andreas Gold. Im Glockenstuhl des Südturms seien jedoch umfangreichere Arbeiten nötig. Die Sanierung der Türme, die sich auf einen Gesamtwert von zwei Millionen Euro beläuft, wird finanziert durch Förderungen der Städtebauförderung, des Bundesverwaltungsamtes und durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt.

Neue Entdeckungen am Chorgestühl

Die Arbeiten förderten weitere Überraschungen zutage: Holzuntersuchungen haben ergeben, dass das Entstehungsdatum des Chorgestühls nicht mehr auf 1350, wie bisher angenommen, datiert werden kann, sondern, dass das Holz bereits 1328 geschnitzt wurde. Das Chorgestühl wurde aus Eichenholz gefertigt, das sofort bearbeitet werden musste. Zu diesem Zeitpunkt existierte der Hohe Chor jedoch noch gar nicht. Fraglich bleibt also, wo sich das Chorgestühl vor seinem jetzigen Standort befand. "Oft tappen wir im Dunkeln", so Gold.

Eine weitere Entdeckung am Chorgestühl sind goldene Sterne und blauer Himmel unter dem eigentlich braunen Eichenholz des Baldachins. Niemand ahnte, dass es ursprünglich bemalt war. Ausbesserungen müssen am Holz vorgenommen werden, da Nagekäfer das Material beschädigt haben. Wegen der Feuchtigkeit soll das Gestühl zehn Zentimeter von der Wand abgerückt werden. Weiterhin ist die Reinigung der Wände und der Fenster des Hohen Chores geplant. Bis Ostern 2004 soll alles fertig sein. Bis dahin hält der Dom vielleicht noch manche Überraschung bereit. Gold: "Einige Kapitel der Baugeschichte des Domes müssen umgeschrieben werden".

Silvia Leitel

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 8 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 12.03.2003

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