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Aus der Region

Alles nur Mögliche gegen den Krieg tun

Ein drohender Irak-Krieg prägte das Gedenken in Dresden an den 13. Februar 1945

Gedenken und Protest: Auf dem Dresdner Altmarkt versammelten sich über 1000 Dresdner um das Gedenken an die Opfer von 1945 mit dem Protest gegen einen drohenden Irak-Krieg zu verbinden.

Dresden (mh) -13. Februar, 21.45 Uhr: Die Glocken aller Dresdner Kirchen beginnen für eine Viertelstunde zu läuten. Dieses Läuten erinnert an den Beginn des Bombenangriffs auf die Stadt am 13. Februar 1945. Tausende Dresdner sind zu dieser Zeit an diesem Abend 58 Jahre später auf den Beinen -unterwegs zur Frauenkirche, um dort eine Kerze zu entzünden, wie sie es seit 1982 tun.

Der 13. Februar in Dresden ist ein Tag des Innehaltens. Mit zahlreichen Veranstaltungen wird an die 35 000 Opfer von 1945 erinnert. Besonders geprägt aber war der Tag in diesem Jahr durch einen möglichen Irak- Krieg. "Nie wieder Krieg" war oft zu lesen und zu hören. Und besonders häufig zitiert wurde Mahatma Ghandi: "Auge um Auge führt nur dazu, dass die ganze Menschheit blind wird", hat eine Überlebende von 1945 auf eine Pappe geschrieben und am Bauzaun der Frauenkirche angebracht.

"Brücken bauen, Versöhnung leben" heißt ein Kunstprojekt, das neben der Frauenkirche stattfindet. Schauspieler lesen Texte von Bertold Brecht, Heiner Müller und Richard von Weizsäcker. Musik und Pantomime sollen helfen, "die Sprachlosigkeit zu überwinden", sagt Stephan Fritz, der Pfarrer der Frauenkirche.

In der Unterkirche der Frauenkirche verlesen Überlebende des Dresdner Bombenangriffs und Überlebende der Luftangriffe auf die spanische Stadt Gernika 1937 einen gemeinsamen Aufruf: "Wir wissen, was Krieg wirklich bedeutet -jenseits der Fernsehbilder", erklären die 20 Frauen und Männer und erinneren sowohl an die Bilder von "Bombenflugzeugen", die sich auf einen Krieg gegen den Irak vorbereiten" als auch an das "hilflose Entsetzen", mit dem sie selbst "dem Bombeninferno ausgesetzt waren". Es dürfe nicht zugelassen werden, dass "wieder Tausende im Bombenhagel sterben, Städte und Dörfer zerstört werden, Kulturschätze verloren gehen".

Zeitzeugen kommen auch beim "GeDenken" auf dem Altmarkt zu Wort -unmittelbar neben der Stelle, an der 1945 etwa 6000 Leichen eingeäschert werden musste, um drohenden Seuchen zu entgehen. Schüler eines Gymnasiums lesen Zeitzeugenberichte vor. Im Unterricht hatten sie sich mit den Ereignissen von damals auseinandergesetzt und nach ihrer Bedeutung für heute gefragt. "Wir wollen ein kräftiges Zeichen gegen einen drohenden Irak-Krieg setzen", sagt Ursula Mai von der Pax- Christi-Gruppe Dresden, die zu den Mitveranstaltern gehört.

Über 1000 Dresdner sind trotz eisiger Kälte dem Aufruf gefolgt. Sie hören zu und singen mit -eine Stunde lang. Anschließend gehen viele in die Hofkirche. Dort erinnert der evangelische Pfarrer Joachim Zirkler im ökumenischen Gottesdienst an 1989. "Damals war viel vom neuen Denken die Rede. Das brauchen wir heute wieder", sagt er. Die Kerzen an der Ruine der Frauenkirche hätten die friedliche Revolution eingeleuchtet. 1989 habe gezeigt, dass eine Diktatur mit friedlichen Mitteln besiegt werden kann -"ohne einen einzigen Schuss und trotz einer großen Menge von Massenvernichtungswaffen im Land".

Zum 13. Februar gehört auch ein Requiem in der Hofkirche. Hier wendet sich Bischof Joachim Reinelt deutlich gegen einen Krieg: Dresden sei durch die Erfahrungen von 1945 "besonders sensibel für die Frage nach Krieg und Frieden". Es gehe nicht um einen billigen Frieden, denn: Die Spannung dieser Tage bestehe darin, dass die Menschen selbstverständlich ein Recht hätten, sich zu verteidigen und vor Verbrechern zu schützen. Aber: "Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist ein Krieg nach Meinung unserer Kirche nicht gestattet. Jetzt ist die Zeit für Geduld. Wer die nicht hat, macht Fehler", sagt der Bischof und ruft die Christen auf, alles nur Mögliche gegen einen Krieg zu tun.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 8 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 12.03.2003

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