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Auf zwei Minuten

"Ich rufe zu Gott, ich schreie"

Psalmen können in Zeiten der Bedrängnis helfen

Pater Damian

Im Gebet bringen wir uns selbst in unserer Befindlichkeit und auch die Welt vor Gott zur Sprache. Das ist mehr und anders als "fromm mit Gott reden". Das Gebetbuch der Bibel, der Psalter mit seinen 150 Liedern, ist die beste Schule des Gebets. Den größten Anteil haben darin die Klagepsalmen. Sie geben den Betern aller Generationen die realistische menschliche Note. Hier wird keine heile Welt vorgetäuscht. Nichts Menschliches ist diesen Liedern fremd. Der Beter stellt seine Not, seine Unruhe, Angst und Hoffnungslosigkeit vor Gott dar. Der Beter ruft und schreit zu Gott und möchte eine Lösung seiner Probleme heute, morgen und übermorgen, nicht erst in der Ewigkeit! Über das Elend des einzelnen Beters hinaus kommt auch die Not des Volkes zur Sprache. Kann Gott zulassen, dass sein Land mit Krieg überzogen wird, dass Städte und schließlich der Tempel zerstört wird? Zerstörerische Mächte im Inneren, Ungerechtigkeit und soziales Elend machen das Maß voll. Es ist erstaunlich, wie oft das Wort "Schreien" in den Psalmen vorkommt: "zu dir schreie ich am Tag und in der Nacht", "mit lauter Stimme schreie ich zum Herrn"; "ich schreie in der Qual meines Herzens"; "vernimm mein lautes Schreien ..." Krankheit und Tod, Angst und Terror und Verzweiflung lassen Menschen nicht schweigen. Der Beter nimmt sich nicht zurück, sondern schreit seine ganze Not hinaus zum befreienden und helfenden Gott. Der Beter traut Gott alle Gerechtigkeit zu, und so enden die meisten Klagelieder mit einem Ausdruck starken Vertrauens.

Wer die Psalmen der Bibel aufmerksam betet, entdeckt bald: Sie sind nicht veraltet, nicht gebunden an bestimmte vergangene Situationen, sondern hoch aktuell für die Menschen unserer Welt mit ihren Ängsten und Nöten. Der polnische Schriftsteller Andrzej Szczypiorsky wurde 1982 von der Regierung festgenommen und in ein Internierungslager gesteckt. In dieser schweren Zeit entdeckt der Autor die biblischen Psalmen. Vielleicht sieht er sie zu einseitig, aber sie helfen ihm. "Ich lese hier die Psalmen. Zum ersten Mal im Leben. Und durch sie komme ich Gott näher. Ein steiler Aufstieg. Ein schrecklicher Berg. Schrecklich steil. Doch steckt darin etwas, das sich schwer ausdrücken lässt. Dieses Übermaß teilt sich meinem Herzen mit. Mein Herz wird mächtiger. Es ist in den Psalmen wenig Barmherzigkeit, wenig Mitgefühl, viel Gift, Wut, viele unflätige Flüche. Der Ton der Rache klingt hundertmal stärker als der Ton der Nachsicht. Das Leiden ist hier schrecklich, doch es ist groß durch sich selbst. Als wären die Leidenden Auserwählte, als wünschten sie zu leiden, um Auserwählte zu werden. Die Psalmen sind jüdisch, und ich verliebte mich in den jüdischen Gott. Hier leidet nicht Gott, sondern es leiden die Menschen. Hier streiten sich die Menschen mit Gott, und er geruht manchmal nachzugeben. Die Menschen in den Psalmen betteln nicht. Sie fordern. Ihr Geschrei ist großartig. Ich würde gern so schreien und erhört werden!"

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 7 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 16.02.2003

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