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Bistum Görlitz

Wer hat Angst vor dem Osten?

Osterweiterung der Europäischen Union war Thema eines Seminars der ostdeutschen Diözesanverbände der

Ängste abgebaut: Die Osterweiterung der EU birgt Chancen und Risiken. Teilnehmer am Bildungsseminar der ostdeutschen KAB-Diözesanverbände in Cottbus.

Cottbus -"Steigende Arbeitslosigkeit", "Billiglohn erhöht die Zuwanderung", "Mafia-Strukturen breiten sich durch offene Grenzen schneller aus", "Geringer werdende Fördermittel aus EU-Töpfen durch mehr Bedürftige" ...Solche und ähnliche Ängste beziehungsweise Befürchtungen angesichts der Erweiterung der Europäischen Union (EU) notierten die Teilnehmer während eines Rollenspieles beim diesjährigen Seminar der Diözesanverbände der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) aus den neuen Bundesländern.

Seminare zur politischen Bildung haben bei der KAB Tradition. Ebenso Tradition ist es inzwischen, dass KAB-Mitglieder aus den ostdeutschen Bistümern Dresden-Meißen, Erfurt, Görlitz und Magdeburg mit einem kompetenten Seminarleiter einmal im Jahr politische Bildung betreiben, um Vorurteile zu hinterfragen, um sich sach- und fachgerechter in Kirche, Politik und Gesellschaft einmischen zu können. Vom 7. bis 9. Februar war die Cottbuser KAB Gastgeber. Das Thema der EU-Erweiterung, das entlang von Oder und Neiße an Biertischen diskutiert wird und Ängste weckt, brennt Menschen an Werra und Fulda oder gar am Rhein nicht so sehr unter den Nägeln. Reiner Ulrich aus Meiningen beispielsweise bekannte am Ende des Wochenendes: "Das Thema habe ich in seiner Vielschichtigkeit erst hier richtig kennen gelernt."

Was tun, um Ängste abzubauen?

Der Seminarleiter, Hansruidi Humm aus Dresden machte die 25 Teilnehmer sensibel für die Frage "Was können wir als Einzelne und als KAB dazu beitragen, dass der Beitritt gelingt und dass Befürchtungen abgebaut werden?" Die Teilnehmer erarbeiteten in Gruppen eine Vorstellung von den Beitrittsländern. Fakten wurden zusammengetragen: Landesgeschichte, Arbeitslosenquote, Bruttoinlandsprodukt, Lebensverhältnisse, finanzielle Konsequenzen für die EU. Jede Gruppe teilte dann allen ihre Erkenntnisse mit.

In einem Vortrag erläuterte Seminarleiter Humm die Entstehung von Ängsten. Jeder Mensch habe seine eigene Geschichte, seine eigene Gefühlswelt, seine eigene Sicht der Dinge. "Befürchtungen gehören zum Leben. Sie sind ernst zu nehmen", sagt Humm und fragte: "Wie gehe ich mit Angst um?" Er zeigte, wie unbewältigte Angst zur Krankheit führen kann. Eine Möglichkeit, Ängste abzubauen ist seines Erachtens das Hinterfragen, das sachgerechte Informieren. "Vertrauen durch Wissen!" Eine wohltuende, richtige Angst sei aber auch eine Lebensqualität.

Viele der eingangs angeführten Ängste seien in dieser Form unbegründet. Das war ein Ergebnis, zu dem die Teilnehmer kamen. Sie stellten aber auch fest: Die EU als Ganze müsse sich ändern. Das sei schon der Tatsache geschuldet, dass in Zukunft 27 Länder statt bisher 15 an einem Tisch sitzen und um eine Meinung ringen. Die Neuverteilung der Stimmen nach einem Schlüssel, der an der Bevölkerungszahl gemessen wird, werde hier weitgehend zu Gerechtigkeit führen. Zur Befürchtung, dass eine höhere Zuwanderung eintritt, wurde festgestellt, dass bis zu sieben Jahren nach dem Beitritt auf dem deutschen Arbeitsmarkt weiter die Zugangsbeschränkungen gelten. Aus der europäischen Geschichte abgeleitet, konnte der Schluss gezogen werden: Alle Beitrittsstaaten gehörten schon immer zu Europa. Die dauerhafte Einbindung dieser Staaten in die EU schaffe für ganz Europa -für die alten wie für die künftigen EU-Mitglieder -Sicherheit, Stabilität und Wohlstand, hieß ein weiteres Ergebnis.

Zuerst Mensch, dann Deutscher oder Pole

Beim Sonntagsgottesdienst erinnerte KAB-Bundespräses Clemens- August Holtermann, dass jedes der EU beitretende Land die Charta der Vereinten Nationen anerkennen muss. Das heißt unter anderem: Die Menschenrechte sind zu achten und die Todesstrafe muss abgeschafft sein. Damit sei auch einer Grundaussage der christlichen Botschaft entsprochen: Jeder Mensch als Geschöpf ist einmalig. "Ich bin zuerst Mensch. Und dann erst Deutscher oder Pole oder Franzose." Holtermann erinnerte auch daran, dass sich vor 40 Jahren aus Anlass der deutsch-französischen Aussöhnung Konrad Adenauer und Charles de Gaulle in der Kathedrale von Reims beim gemeinsamen Gebet unter die größere Herrschaft Gottes gestellt haben.

Zum Abschluss des Seminars gab KAB-Geschäftsführerin Renate Müller aus Köln einen Ausblick auf die Umwandlung der KAB aus drei Regionalverbänden in einen Bundesverband im Herbst diesen Jahres. Dabei sei geplant in Berlin ein Büro einzurichten. Beim nächsten Bundesverbandstag stehe außerdem eine Überlegung zur Schaffung der Stelle eines hauptamtlichen Sekretärs für die ostdeutschen Diözesanverbände auf der Tagesordnung. Das nächste KABSeminar wird am ersten Märzwochende 2004 in Magdeburg stattfinden.

Klaus Schirmer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 7 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 16.02.2003

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