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Aus der Region

Hoffnung als heilende Kraft

Halle: Vertreter von Psychotherapie und Religion suchten den Dialog

Halle (ep) -Kann die Psychotherapie Menschen, die sich in auswegloser Situation erleben, Hoffnung vermitteln? Oder kann sie es nicht und ist es auch gar nicht ihre Aufgabe? Und: Ist die Seelsorge im Umgang mit Menschen ohne Hoffnung in einer besseren Lage, weil sie eine diese Welt überschreitende Perspektive anzubieten hat? Stößt auch sie an Grenzen? Brauchen Psychotherapie und Seelsorge sogar einander, um ihrem Dienst zum Wohl des Menschen gerecht zu werden? "Heilende Hoffnung -Psychotherapie und Religion im Dialog" war eine Tagung überschrieben, zu der am 7. Februar das Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara in Halle eingeladen hatte. Anlass war das 20- jährige Bestehen der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik an dem Krankenhaus.

Beim Psychoanalytiker auf der Suche nach Sinn

Nicht wenige Menschen suchen heute den Psychotherapeuten auf, weil sie den Glauben in traditionelle "Sinn-Agenturen" wie Kirche oder Staat und damit auch eine grundsätzliche Hoffnung verloren haben. Doch die Psychoanalyse scheint zunächst einmal -im Gegensatz zur Seelsorge -nicht vor allem dafür da zu sein, Sinn und Hoffnung zu geben, sondern psychische Störungen zu behandeln, sagt Oberarzt Dr. Markus Bassler von der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Mainz. Um diesen Menschen helfen zu können, sei dringend eine Zusammenarbeit zwischen Psychotherapeuten und Theologen nötig.

Auch der Chefarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik am Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara, Dr. Johannes Piskorz, hält diesen Dialog für unerlässlich. Bei der Eröffnung der Tagung erinnerte der Initiator des Symposiums an Forderungen des Philosophen Jürgen Habermas in seiner Frankfurter Rede vom Jahr 2001. Habermas verlangte -in ähnlichen Zusammenhängen -einen ergebnisoffenen "herrschaftsfreien Diskurs", der alle Beteiligten in ihrem jeweiligen Zugang ernst nimmt und respektiert. Im medizinischen Alltag, so Piskorz weiter, ist zwar Hoffnung und Hoffen stets präsent, etwa auch, wenn negativ über einen Patienten gesagt werde, er habe sich aufgegeben. "Hoffnung als heilende Kraft ist aber nicht Inhalt des wissenschaftlichen Gesprächs". Deshalb sei ein kontinuierlicher Dialog zwischen Medizin und Theologie notwendig. Das Symposium, zu dem Psychotherapeuten und Ärzte anderer Fachrichtungen der Region eingeladen waren, diente diesem Anliegen.

Privatdozent Bassler erinnerte daran, dass das Verhältnis von Religion und Psychoanalyse nicht zuletzt dadurch schwierig ist, weil ihr Begründer Sigmund Freud "de facto den Wahrheitswert der Religion bestreitet". Nach religiösem Verständnis sei der Mensch aber auf einen lebendigen Gottesbezug angewiesen. Die heutige Säuglingsforschung bestätige dies insofern, als sie zeigt, dass Beziehung für den Menschen grundlegend ist. Dies müsse die Psychoanalyse zur Kenntnis nehmen.

Andererseits sei es etwa das Verdienst der Psychoanalyse, erkannt zu haben: Man kann mit seinem, auch von religiösen Werten geprägten Gewissen im Konflikt sein, ohne es verstandesmäßig zu merken. Angst oder sogar Selbsttötungsimpulse können in verdrängten Schuldgefühlen ihre Ursache haben. Die Psychotherapie biete hier die Chance, den Betroffenen dabei zu unterstützen, verdrängte Schuldgefühle aufzuarbeiten. Menschen mit überzogenen Schuldempfinden könne die Therapie zu einem kritisch selbstbewussten Umgang mit dem eigenen Gewissen und so zu einem entfalteteren Menschsein verhelfen.

Brauchen sich: Psychotherapie und Seelsorge

Zugleich fragt Bassler aber, "wieweit die Psychotherapie genügend im Blick hat, dass zum Menschen auch das Scheitern gehört". Für die christliche Theologie, in der Verzeihen und Neuanfang als göttliche Gnade eine wichtige Rolle spielten, sei dies selbstverständlich.

Wenn Psychotherapeuten in der Praxis religiöse Überzeugungen von Patienten "nicht selten als pathologisch" (krank) einstuften, so halte er dies für eine "Verletzung der analytischen Abstinenz", eine Missachtung der Regeln der Psychoanalyse. Stattdessen müsse Religiosität "als normales psychotherapeutisches Feld anerkannt werden". Dieser Auffassung ist auch Diplom- Psychologin Ulrike Jähnig. Nach ihrer Ansicht sind über Jahre die gesundheitsfördernden Seiten religiöser Überzeugungen zu wenig und stattdessen vor allem krank machende Aspekte im Blick gewesen. Jähnig schilderte, wie verzerrte Gottesbilder vom Richter-, Buchhalter-, dämonischen Todes- und vom überfordernden Leistungsgott zu glaubensbedingten psychischen Störungen führen können. Die Ausprägung der Gottesbeziehung hänge nicht zuletzt von Lebenserfahrungen und -prägungen ab. "Stellt sich der Einzelne den in seinem Gottesbild enthaltenen krank machenden Konflikten, besteht immer Hoffnung auf Heilung", so Frau Jähnig. Erlebe sich der Mensch in einer gesunden Gottesbeziehung, biete Religion Heilungskräfte.

Dies sei sogar statistisch belegt, weshalb es an vielen US-amerikanischen Universitäten Vorlesungen über den Zusammnenhang von erfolgreicher medizinischer Therapie und religiösem Glauben gebe. Darauf wies der Frankfurter Pastoraltheologe Dr. Michael Sievernich SJ hin. In der Bibel ist die Hoffnung auf Heil im umfassenden Sinne religiöse Grunddimension, machte der Professor von der Jesuitenhochschule St. Georgen anhand von Beispielen aus dem Alten und Neuen Testament deutlich. Heilung im medizinischen Sinne, umfassendes Heil auch angesichts von Schuld und die Heilshoffnung über den Tod hinaus lägen in der Bibel eng beieinander. Jesus selbst habe sich als Arzt bezeichnet. Der Pastoraltheologe betonte, dass auch der Seelsorger an Grenzen stößt, nämlich dort, wo jemand nicht nur geistliche, sondern auch psychotherapeutische Hilfe braucht. Zudem habe auch die Theologie keine klar zu vermittelnde Antwort, warum etwa ein junger Familienvater sterben muss..

Hoffnung kann auch der Nichtglaubende spüren

Während sich der Psychoanalytiker Ulrich Gaitzsch aus Weinheim (sein Beitrag wurde in seiner Abwesenheit verlesen) eher zurückhaltend dazu äußerte, in wieweit Hoffnung in der Analyse vermittelt werden kann, plädierte Bassler dafür, "Mut zu haben, als Psychotherapeut auch mal Sinnfragen anzupacken". Allerdings könne man hier schnell in einen Konflikt geraten zwischen psychotherapeutisch gebotenem Vorgehen und seelsorglicher Zuwendung. Dies stellte auch Diplom-Psychologin Jähnig fest, die ausgebildete Gemeindereferentin ist. Dennoch sagte Bassler: "Wenn mir etwa ein Patient mit dem Bild eines zornigen Gottes begegnet, hinterfrage ich das." Um Menschen mit verzerrten Gottesvorstellungen helfen zu können, so der Arzt, "brauchen wir jedoch eine Beurteilbarkeit dessen, was eine religiöse Vorstellung beinhalten kann." Dies gelte um so mehr in einer Zeit, in der mit dem Religiösen Geschäfte gemacht und Menschen ausgebeutet werden.

Wenn ich zu Menschen nach Suizidversuch gerufen werde, bin ich beruhigter, wenn die Betroffenen in ihrer Hoffnungslosigkeit einen Zugang zur Religion haben und zusagen, mit Beratern von Caritas oder Diakonie das Gespräch zu suchen. Das berichtete Oberärztin Dagmar Tautz von der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik aus ihrer Praxis am katholischen Krankenhaus Halle.

Für den Priester und Philosophen Dr. Siegfried Foelz ist Hoffnung nicht nur religiöse, sondern auch philosophische Grundgröße, Existential, dem sich allerdings nur phänomenologisch (beschreibend) zu nähern ist. Für Foelz ist Hoffnung eine verborgene Kraft, in der Verzweifelung überwunden werden kann, weil sie in eine unsichtbare Welt mündet. In der Hoffnung könne auch größtes Leid angenommen werden. Foelz: "Darin wird der Mensch über sich hinaus geführt, er transzendiert sich selbst. -Ich glaube, dass auch derjenige Zugang zur Hoffnung finden kann, der bereit ist, sich selbst zu transzendieren, selbst wenn er sagt: Es gibt keine transzendente Welt."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 7 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 16.02.2003

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