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Aus der Region

Berlins Kirche in der Schuldenfalle

Finanzielles Desaster im Erzbistum: Schuldenlast und strukturelles Defizit

Berlin - Zwischen Klaus Wowereit und Georg Kardinal Sterzinsky klaffen Welten. Aber den Regierenden Bürgermeister und den Erzbischof von Berlin plagen die gleichen Sorgen. Mit einer Schuldenlast, aus der es fast keinen Ausweg gibt, haben sie zu kämpfen. Es ist die "Berliner Krankheit": Jahre lang haben Stadt wie Bistum über ihre Verhältnisse gelebt, Stellen geschaffen, auf (West-) Zuschüsse gehofft und die Sanierung verschlafen. Jetzt musste der Kardinal den Offenbarungseid leisten. Die "wirtschaftliche Handlungsfähigkeit" der Berliner katholischen Kirche gelte es wieder herzustellen, erklärte er bei einer Pressekonferenz. Was bedeutet, dass eben diese Fähigkeit abhanden gekommen ist.

So viel Krise war noch nie: Das Erzbistum Berlin hat alles in allem 148 Millionen Euro Schulden. Es ist noch schlimmer als im November angenommen, als die Berliner Erzdiözese die Beratungsfirma McKinsey um Hilfe bat. Zudem muss das Erzbistum jährlich 13 Millionen Euro aufnehmen, um das Defizit im jährlichen Haushalt auszugleichen; sieben Millionen gehen allein für Zins- und Tilgungszahlungen drauf.

In einer derart katastrophalen Situation hat sich noch nie ein katholisches Bistum in Deutschland befunden. Gemessen an diesem Desaster wirkte der Oberhirte bei der Veröffentlichung der Zahlen relativ gefasst. Persönliche Verantwortung für diese Situation räumt er ein. Einen Rücktritt aber lehnt er ab. Sein Weggang würde für das Bistum noch schlimmer sein, da durch die einjährige Vakanz des Bischofsstuhls keine Maßnahmen zur Sanierung eingeleitet werden könnten, so Sterzinsky.

In den kommenden vier Jahren sollen 440 von 2700 Vollzeitstellen bei insgesamt 3800 Mitarbeitern wegfallen. Natürlich wolle man auf Kündigungen möglichst verzichten, es sei aber "unwahrscheinlich", dass dies insgesamt gelinge, so der Kardinal. Drei Bildungshäuser würden geschlossen, alles stünde auf dem Prüfstand, beispielsweise die Künstlerpastoral und die Gefängnisseelsorge. Gemeinden werden zusammen gelegt und die "Seelen" vor Ort müssen mehr Aufgaben selbst in die Hand nehmen, als sich nur aufs Bistum zu verlassen. Immobilien sollen verkauft und Kirchen vermietet werden.

Zusätzlich brauche Berlin weiter Unterstützung vom Verband der Diözesen in Deutschland (VDD). Wenn kein Geld aus der Solidaritätskasse der deutschen Bischöfe fließe, seien weitere Stellenkürzungen unvermeidbar.

Volker Resing

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 6 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 06.02.2003

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