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Auf zwei Minuten

Selig die Barmherzigen

von Pater Damian

Pater Damian Meyer In unserer Leistungsgesellschaft bringen rücksichtsloses Durchsetzungsvermögen und Ehrgeiz, Härte gegen sich selbst und andere, Ausnutzung der Schwächen und Fehler anderer die Karriere voran. Manchmal ist sogar Gewalt und Übervorteilung gegenüber Schwachen ein Mittel auf dem Weg nach oben. Gewalt aber ist nach dem Zeugnis der Bibel der Inbegriff von Schlechtigkeit und Sünde (vgl. Gen 6,13). Gott wird dagegen dargestellt als der, der sich dem Menschen in Liebe und Erbarmen zuwendet. Schon im brennenden Dornbusch, wo Gott sich Mose als der "Ich-bin-da" vorstellt, bekennt Jahwe sich als der, der das Leid seines Volkes kennt und seine laute Klage gehört hat. Barmherzigkeit ist Wesenseigenschaft Jahwes: "Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue"( Ex 34,6).
Jesus ist der Offenbarer der Barmherzigkeit Gottes. Wer Jesus begegnet, erfährt, dass er von Gott angenommen und geliebt ist; ungeschuldet und unverdient geliebt. Diese Erfahrung des Angenommenseins durch Gott drängt den Menschen zur Grundhaltung barmherziger Liebe den Mitmenschern gegenüber: "Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist" (Lk 6,36).
Der Schriftsteller Heinrich Böll hat das Christentums treffend charakterisiert: "Chris-tus hat die Barmherzigkeit in die Welt gebracht. Hin und wieder gibt es sie unter Chris-ten. Wo einer auftritt, gerät die Welt in Erstaunen ... Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache, und mehr noch als Raum gab es Liebe für jene, die der heidnischen und gottlosen Welt nutzlos erscheinen und erschienen." Friedrich Nietzsche richtet seinen scharfen Kampf gegen den Kern des Chris-tentums, wenn er dem christlichen "Krankengott" seinen "Übermenschen" entgegenstellt, der kein Mitleid kennt.

In Jesus stellt sich Gott dar als ungeschuldete und grenzenlose Liebe, die sich menschlicher Not annimmt und Heil schafft. Und deshalb ist die Barmherzigkeit eine christliche Grundhaltung. Wer von der Barmherzigkeit Gottes leben darf, der sieht die Not und das Leiden anderer Menschen und lässt sie sich so zu Herzen gehen. Die mitleidende Betroffenheit drängt ihn dazu, sich mit allen Kräften dafür einzusetzen, jener Not abzuhelfen oder sie zu lindern.

Nicht selten hat das Wort "Barmherzigkeit" einen negativen Beigeschmack: Es wird mit einem herablassenden, den Empfangenden erniedrigenden Verhalten in Verbindung gebracht. Die Praxis einer solchen "Mildtätigkeit" bleibt dann weit hinter den Forderungen der Gerechtigkeit zurück oder zementiert sogar ungerechte Zustände. Nur die Orientierung am biblischen Zeugnis und der Praxis Jesu kann diese falsche Haltung korrigieren.

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 20 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 17.05.2001

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