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Bistum Görlitz

"Da soll man sein Kind rein legen?"

Mädchen im Freiwilligen Sozialen Jahr besuchen Babyklappe in Berlin

Berlin / Görlitz (mim) -Eine Gruppe junger Mädchen kommt aus dem Hauptausgang eines Berliner Krankenhauses heraus. Sie reden miteinander, diskutieren, gestikulieren und einige schütteln immer wieder ungläubig den Kopf. Sie folgen neugierig den kleinen grünen Schildern mit dem Pfeil darauf, bis sie in einem abgelegenen, unscheinbaren Innenhof des Krankenhauses stehen. Dort sehen sie eine leuchtend grüne Klappe, etwa 80 mal 40 Zentimeter groß. Genau vor einem Fenster ist er angebracht, mit einem silbernen Griff zum Öffnen einer Klappe. "Babywiege" steht dort in großen Buchstaben auf der Front geschrieben.

Ungläubig schauen sich die Mädchen die grelle grüne Klappe an. "Das soll sie sein?" "Stellt euch mal vor, macht man das auf, und legt da sein Kind rein? Einfach so?" "Ich könnte das nicht..." Die unterschiedlichsten Reaktionen sind zu vernehmen, doch eines haben sie alle gemeinsam: Niemand hat sich so eine Babyklappe vorgestellt. Der Reiz ist groß, die Klappe einmal zu öffnen um hineinzusehen, wie sie wohl von innen aussehen mag, doch das wurde ihnen untersagt, denn dann würde ein Fehlalarm ausgelöst werden.

Die Mädchen sind alle zwischen 16 und 20 Jahre alt und machen derzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Raum Sachsen und Brandenburg. Neben der Arbeit in sozialen Einrichtungen finden fünf Wochen- Seminare in Bildungshäusern etwa in Berlin, Cottbus und Neuhausen statt. Das mittlerweile dritte Seminar führte die FSJ-lerinnen Ende Januar zu dem Thema "Kind, Familie und Zukunft" nach Berlin. Im Rahmen des Projekttages dieses Seminars besuchten einige Mädchen eine von vier Babyklappen in der Bundeshauptstadt. Dort führten sie mit der Seelsorgerin des christlichen Krankenhauses und evangelischen Pastorin Gabriele Stangl ein etwa zweistündiges Gespräch, um mehr über das noch recht junge Modell der Babyklappen zu erfahren.

"Die Babyklappe ist eine Einrichtung, die verhindern soll, dass Säuglinge nach der Geburt ermordet werden, da die Eltern das Neugeborene aus unterschiedlichen Gründen nicht aufziehen können. Hier können die Eltern ihre Kinder ungesehen abgeben und ihnen somit eine sichere Zukunft bei einer gut ausgewählten Pflegefamilie ermöglichen", erklärt die Pastorin die Idee der Babyklappen. Das Prinzip der Babyklappen ist simpel: Wird die Klappe der Babywiege geöffnet, so ertönt an der Krankenhauspforte ein Alarmsignal. Eine Minute und 30 Sekunden habe die Eltern dann noch Zeit, den Standort der Klappe ungesehen zu verlassen, bis ein Team von Ärzten und Schwestern kommt, und den Säugling sicher in ihre Obhut zu nehmen. "Die Babywiege in unserem Krankenhaus gibt es seit zweieinhalb Jahren. In dieser Zeit haben wir 28 Kinder in die Wiege gelegt bekommen," so die Seelsorgerin.

Bedrückte Stille herrschte in dem Raum, während Frau Stangl von den unvorstellbaren Schicksalen von Müttern erzählte, die voller Verzweiflung keine andere Möglichkeit sahen als ihr Kind abzugeben. Oder wie sie von den Gegnern der Babyklappen berichtete, die der Meinung sind, Babyklappen würden ein Angebot schaffen, Kinder erst recht auszusetzen. Dies ginge sogar so weit, dass den Einrichtungen mit Babyklappen vorgeworfen werde, sie würden "seelische Krüppel erziehen", indem sie die Möglichkeit bieten, Kinder anonym und legal gleich nach der Geburt zur Adoption frei zu geben, so Frau Stangl. "Dazu kann ich nur sagen, wenn die Menschen in Deutschland wüssten, wie viele Kinder direkt nach der Geburt sterben müssen, und niemand bekommt irgendetwas davon mit, dann würde es einen Aufschrei geben", so die Seelsorgerin zu der sehr hohen Dunkelziffer ausgesetzter oder getöteter Säuglinge. "Tatsache jedoch ist, dass wir allein mit unserer Babywiege im Krankenhaus Waldfriede in 28 Einzelfällen helfen konnten."

Auch noch in der U-Bahn auf dem Rückweg in ihre Unterkunft beherrschten die Eindrücke von der Babyklappe die Unterhaltungen der Mädchen. All die unvorstellbaren Fallbeispiele von verzweifelten Eltern, von denen sie im Laufe des Tages erfahren haben, hatten die Mädchen nachdenklich gemacht. Noch lange tauschten sie ihre neu gewonnenen Ansichten zu zum Thema Kinder, zu Abtreibungen, Babyklappen und zu ihrer Zukunft mit eigenen Kindern aus.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 6 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 06.02.2003

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