Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!
Aus der Region

Zwischen Anpassen und Bewahren

Wo muss die Kirche Nein sagen? -Eine Diskussion in Berlin

Berlin (rc / tdh) -Die Inquisition wurde vom Zweiten Vatikanischen Konzil abgeschafft. Aber auch ihre Nachfolgerin, die vatikanische Kongregation für die Glaubenslehre unter Leitung von Kardinal Joseph Ratzinger steht häufig in der Kritik. Das zeigte auch eine Diskussionsveranstaltung, die das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) in Kooperation mit der Katholischen Akademie in Berlin veranstaltet hat. "Wo muss die Kirche Nein sagen?" hieß das Thema.

Recht auf Anhörung und Verteidigung

Der Tübinger katholische Moraltheologe und Ethiker Dietmar Mieth sagte: Es entspreche nicht dem Empfinden von Menschenwürde und Gerechtigkeit, wenn Ratzinger in seinen Schreiben jemanden, der von der kirchlichen Lehre abweicht, zum Widerruf auffordere. Auch gebe es in Lehrbeanstandungsverfahren für Theologen noch immer "Denunziantentum und keine volle Akteneinsicht". Wenn als Strafe auch nicht mehr der Scheiterhaufen drohe, so doch die Amtsenthebung.

Auch wenn der Erfurter Bischof Joachim Wanke darauf hinwies, dass 97 Prozent der Verfahren positiv beschieden werden, gestand er einen Nachholebedarf der katholischen Kirche bei der Achtung der Personenwürde und dem Recht des Irrenden ein. "Das Recht auf Anhörung und Verteidigung muss garantiert sein", betonte er.

Der Erfurter Bischof erinnerte an die vom Zweiten Vatikanum bekräftigte Aussage, dass niemand gegen sein Gewissen zum Glauben gezwungen werden dürfe. Und er bedauerte, dass die Inquisition "so blind für die Aussagen des Evangeliums war". Die "Grundfrage" jeder Instanz zur Sicherung der wahren Lehre heißt für ihn: Wie können große Ideen weitergegeben werden, wenn sie sich wandeln müssen, um zeitgemäß zu bleiben? Die heutige Glaubenskongregation übe ein "biblisches Wächteramt" aus und solle den Gläubigen "positive Vorlagen des Glaubensgutes" geben. "Wenn Rom mir helfen würde, wie ich in Mitteldeutschland das Evangelium besser verkünden kann, dann wäre ich froh", sagte Wanke.

Zeitgemäßer Widerstand vielfach angebracht

Wanke nahm auch zur Rolle der Kirche in der Gesellschaft Stellung. Aufgabe der Kirche sei es, aus dem Glauben heraus zu den modernen Entwicklung Stellung zu nehmen. Der Ethiker Mieth fügte hinzu, ein "zeitgemäßer Widerstand" der Kirche sei "in vielen Fällen" angebracht. Als Beispiel dafür nannte er die Präimplantationsdiagnostik (PID).

Hier hakte der Berliner Soziologe Wolfgang van den Daele ein. "Die Kirche befindet sich auf einer Gratwanderung zwischen Anpassen und Bewahren", stellte er fest. Sie müsse sich entscheiden, ob sie "ihre Schäfchen" dort abhole, wo sie in einer sich verändernden Welt sind, oder ob sie am Alten festhalte. Ein Beispiel sei die Abtreibung. Hier gebe es nach wie vor eine einheitliche gesellschaftliche Wertebasis, auch wenn das Lebensrecht des Embryos und das Selbstbestimmungsrecht der Frau unterschiedlich gewichtet würden. Um so bedeutsamer seien in solchen Fragen die Regeln für einen gesellschaftlichen Kompromiss, betonte der Soziologe, der dem Nationalen Ethikrat angehört.

Den protestantischen Standpunkt brachte die Präsidentin der Synode der Nordelbischen Evangelisch- Lutherischen Kirche, Elisabeth Lingner, ein. Auch in ihrer Kirche gebe es ein "Lehrzuchtverfahren", räumte sie ein. Über theologische Fragen könnten aber auch Synoden entscheiden. Die Entscheidung werde nicht von oben, sondern von vielen, gewählten Synodalen getroffe. Lingner bekräftigte die Auffassung, dass es wichtig sei, in der heutigen pluralistischen Gesellschaft klare Positionen zu zentralen Lebensfragen zu beziehen. Die Kirche müsse dabei versuchen, einen möglichst großen Konsens unter ihren Mitgliedern zu erreichen und auf die Glaubenskompetenz der "Gemeinschaft der Glaubenden" vertrauen. So kann ein nochmaliger Irrweg, wie ihn die Inquisition darstellt, vermieden werden.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 6 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 06.02.2003

Aktuelle Buchtipps