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Aus der Region

Risse in der Seele

Heiko Rosenkranz über seine Arbeit als Hochwasserhelfer der Caritas

Unterwegs im Auftrag der Caritas: Heiko Rosenkranz berät Menschen in der Region Pirna nach der Flut.

Fast ein halbes Jahr nach der Flut suchen wir die betroffenen Menschen nach wie vor direkt vor Ort auf. Viele stecken mitten in den Wiederaufbauarbeiten und finden keine Zeit, uns aufzusuchen. Andere scheuen sich, Spendengelder in Anspruch zu nehmen, da sie glauben nicht bedürftig genug zu sein. Wieder andere sind körperlich nicht in der Lage, zu uns in die Beratungsstelle zu kommen. Also kommen wir zu ihnen. Die Hilfen sind zahlreich, die wir den Menschen zukommen lassen: Wir helfen beim Beantragen von Hilfsgeldern. Wir vermitteln Erholungsurlaube. Wir leisten Formen der Seelsorge. Doch trotz all dieser Angebote sitzt der Schock, den das Hochwasser ausgelöst hat, tief.

Ich sehe täglich die Auswirkungen der Flut, die innerhalb weniger Augenblicke jahrzehntelange Arbeit völlig zunichte gemacht hat. Manchmal lerne ich Menschen kennen, die weder den Mut noch die Kraft für einen Wiederaufbau haben. Doch das ist nicht die Regel. Die meisten machen weiter und fangen noch einmal ganz von vorne an. Woher nehmen sie den Mut dafür, habe ich mich anfangs oft gefragt. Heute glaube ich: Sie machen weiter, weil sie nicht allein von der Flut betroffen waren, weil auch der Nachbar weitermacht. Weil sie wissen, dass das ganze Land gespendet hat und dass zahlreiche Hilfen zur Verfügung stehen.

Dazwischen wirken wir Fluthelfer als Bindeglied, sei es in der notwendigen Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen oder anderen Hilfsorganisationen, sei es beim Beschaffen wichtiger Informationen für die Betroffenen. Dazu gehört zum Beispiel die Beantwortung der Frage, wie ausgeflossenes und in die Wände eingedrungenes Heizöl wieder zu entfernen ist. Auf all diese Fragen wollen wir kompetent Antwort geben.

Doch damit kann die Arbeit noch nicht beendet sein. Ich kenne einen Rollstuhlfahrer, der fast alles verloren hat und dessen Heizung im Oktober noch nicht wieder funktionierte. Da können Sie nach einer Spendenzusage nicht einfach verschwinden. Also habe ich ihm zwei Ölradiatoren und eine warme Decke besorgt.

Trotz der vielen Hilfsangebote gehe ich manchmal aus einem Haus und weiß, dass die seelischen Wunden der Betroffenen nicht wieder heilen werden. Da ist beispielsweise eine ältere Frau, die etwa zwei Wochen vor der Flut ihren Sohn nach langer schwerer Krankheit kurz vor seinem 40. Geburtstag verloren hat. Wenig später verlor sie fast das ganze Haus. Da gibt es kaum Worte, mit denen Sie helfen oder die Not lindern können.

Eine andere Frau hatte ihre Mietwohnung verloren und machte sich auf die Suche nach einer neuen Bleibe. Unterwegs hatte sie die Idee, sich ein Brot zu kaufen. Doch genau in diesem Moment musste sie daran denken, dass sie gar keine Wohnung mehr hat -und somit auch kein Brot mehr brauche. Solche Gedanken hatten die Menschen und sie haben sie mit Sicherheit noch heute. Ich habe diese Frau später in ihrer neuen Wohnung aufgesucht. Ich sah, dass sie mit fast 60 Jahren noch einmal ganz von vorne angefangen hat. Sie hat sich, gezwungenermaßen, noch einmal komplett neu eingerichtet. Mit den preiswertesten Möbeln, die sie bekommen konnte.

Heiko Rosenkranz

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 6 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 06.02.2003

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