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Auf zwei Minuten

Nimm deine Tragbahre

Die Vergangenheit des Menschen muss nicht zum unüberwindlichen Hindernis werden

Pater Damian

Unter den Heilungsgeschichten, die im Neuen Testament von Jesus berichtet werden, ist für mich die Heilung des Gelähmten am bemerkenswertesten. Schon die äußeren Umstände sind außergewöhnlich. Da decken Menschen einfach ein Dach ab und lassen durch das Loch einen Gelähmten auf seiner Tragbahre direkt vor Jesus herab. Und Jesus heilt zunächst nicht die körperliche Lähmung des Mannes, sondern vergibt ihm seine Sünden. Er sieht das eigentliche Problem des Menschen und kuriert es an der Wurzel. Als einige der anwesenden Schriftgelehrten Widerspruch erheben, bringt er den Kranken auch körperlich auf die Beine. Er schickt ihn fort mit den Worten: "Nimm deine Bahre und geh nach Hause (Mt 9,6) !" Und der Mann nahm seine Tragbahre und ging heim.

Mit Geschehenem Leben lernen

Hätte Jesus nicht auch sagen können: "Wirf deine Bahre auf den Müll, denn du brauchst sie nicht mehr"? Nein, der Geheilte soll sie mit heimnehmen. Mir scheint, das hat eine besondere Bedeutung. Vielleicht will Jesus sagen: Du kannst deine Vergangenheit, deine Lebensgeschichte nicht einfach abstreifen. Deine Geschichte mit all ihren Höhen und Tiefen, deinen guten und weniger guten Anlagen, mit deinen Erfolgen und Misserfolgen, mit deinen guten und schlechten Taten, die ist ein Teil von dir. Sie gehört für immer zu dir. Geschehenes kannst du nicht ungeschehen machen. Damit musst du leben, und du kannst damit leben, weil ich dir deine Schuld vergeben habe. Deine Vergangenheit wird dir nicht zum unüberwindlichen Hindernis. Dein Leben ist erträglich, ist tragbar wie eine leere Tragbahre.

Die vier Männer, die ihn getragen und das Dach abgedeckt hatten, erinnerten sich immer wieder an das Ereignis und sprachen darüber. Und vor allem der Gelähmte -so will es die Legende -erzählte bei jeder Gelegenheit, was mit ihm geschehen war, als er mit Jesus zusammentraf. Er schilderte allen, die es hören wollten, ausführlich, was es bedeutet, gelähmt zu sein. Wie schwer und umständlich jede kleine Bewegung ist und wie viel Zeit sie kostet, um sie auszuführen. Wie er ganz auf die Hilfe guter Menschen angewiesen war. Und jetzt, diese Freiheit der Bewegung, diese Weite seines Aktionskreises! Ein neues Leben hatte für ihn begonnen, ohne dass er seine frühere Lähmung vergessen hätte.

Mich erinnert seine Geschichte an Berichte über Bekehrungen, etwa die Bekenntnisse des heiligen Augustinus. Wenn die dunkle Folie der Vergangenheit nicht weggenommen wird, das Negative eines verfehlten Lebens nicht verneint wird, erst dann kommt der Glanz eines neuen Lebens voll zutage.

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 5 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 30.01.2003

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