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Spezial

Die Sehnsucht nach dem Meer wecken

Eine Zwischenbilanz des Pastoralen Zukunftsgespräches im Bistum Magdeburg

Dr. Annette Schleinzer: Das Pastorale Zukunftsgespräch ist ein gemeinsames Abenteuer des Lernens und Entdeckens.

Seit zweieinhalb Jahren gibt es im Bistum Magdeburg das Pastorale Zukunftsgespräch (PZG). Anliegen ist die Suche nach einer zukünftigen Pastoral. Auf dem Neujahrsempfang des Bistums (Ausgabe 4, Seite 11) zog die Geschäftsführerin des PZG, Dr. Annette Schleinzer, eine Zwischenbilanz, die der TAG DES HERRN leicht gekürzt dokumentiert:

(Bischof Nowak) hat das PZG einmal mit einem Schiff verglichen, das seine Fahrt begonnen hat in Richtung Zukunft. Ich möchte bei diesem PZG-Schiff zuerst einmal schauen, wer da so alles mitfährt. Da ist die große Zahl von Passagieren: das sind viele Menschen und Gruppen, die sich haben ansprechen lassen. Sie sollten nicht nur passiv mitfahren, sondern den Kurs mit prägen und darauf achten, ob das noch das Schiff ist, das sie betreten haben. Ich sehe darin die vielen Einsender/innen der Themenvorschlagstexte, aber auch die Gemeinden, Gremien und Gruppen, die die Texte schon in ihrer Entstehungsphase diskutiert haben und die jetzt wieder zur Diskussion eingeladen sind. Viele sind der Einladung gefolgt -manche, die erwartet wurden und dazugehören, haben sich nicht ins Boot holen lassen.

Dann fahren Matrosen und Matrosinnen mit: Das sind die Mitglieder der Arbeitsgruppen, die über einen langen Zeitraum schwer gerudert oder sich auf Deck oder in den Maschinenräumen abgemüht haben. Manche sind -teilweise unfreiwillig -von Bord gegangen oder nach einem Landgang nicht zurückgekommen; andere wurden vom Kapitän als Matrosen angeheuert, sind aber nicht gekommen.

Dann gibt es die Steuerleute, die Mitglieder der Steuergruppe. Sie geben nicht den Kurs an, sitzen aber am Steuer und werfen dieses notfalls herum, wenn das Schiff dabei ist, einen Felsen zu rammen oder auf eine Sandbank aufzulaufen. Die Steuerleute haben darauf zu achten, dass das Schiff auf den Kurs ausgerichtet bleibt. Sie haben auch darauf zu achten, dass alle ihre Arbeit tun können, dass sie die richtigen Werkzeuge haben. Sie planen, was als nächstes ansteht und sie achten auf die Stimmung auf den Decks und melden dies weiter.

Ganz wichtig ist die Erfahrung der Navigatoren, die als externe Berater hinzukommen. Diese fahren teils in Beibooten mit und verbringen immer wieder auch eine längere Zeit auf dem Schiff -teils beobachten sie die Fahrt vom Hafen aus und schalten sich über Funk ein. Im Notfall landen sie auch mal per Hubschrauber auf dem Deck, um auf Gefahren hinzuweisen oder eine Kurskorrektur vorzuschlagen.

Dann gibt es die oberen Ränge: die Schiffsleitung mit dem Kapitän -die Leitungsgruppe mit dem Bischof. Sie entscheiden letztlich über den Kurs -auf Grund ihrer Kompetenz und Erfahrung, aber auch, indem sie die Erfahrungen und Hinweise aller auf dem Schiff aufgreifen.

In unbekannten Gewässer, getragen vom Vertrauen auf Gottes Zusage

Vor zweieinhalb Jahren hat sich das Schiff so auf den Weg gemacht. Am Anfang stand eine Vision: angesichts der Herausforderungen unserer Zeit und des Evangeliums eine tragfähige Pastoral für die nächsten Jahre zu finden. Eine neue Kultur, ein Aufbruch in unbekanntes Gewässer -aber getragen vom Vertrauen auf die Zusage Gottes.

Das Schiff ist -trotz Zweifel, trotz Unbehagens und Anlaufschwierigkeiten -gut in Fahrt gekommen. Es ist etwas von dem wahr geworden, was der Schriftsteller St-Exupéry geschrieben hat: "Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Leute zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeug vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern wecke in ihnen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer."

Die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer war es wohl, die so viele bewogen hat, sich auf das Schiff zu begeben. Es zeigte sich auf der Fahrt allerdings, dass die Vision allein nicht reichte. Dass es auch das richtige Werkzeug braucht. Das war nicht immer vorhanden. Manchmal war auch die Vision nicht mehr deutlich zu sehen.

Als das Schiff ein Stück vom Hafen entfernt und mit vollen Segeln in Fahrt gekommen war, gelangte es in stürmische Gewässer: Die Arbeit der Arbeitsgruppen, die mit viel Schwung und Einsatz begonnen hatten, erwies sich mitunter als schwierig. Es zeigte sich, dass die technische Ausstattung des Schiffes Mängel hatte. Es fehlte zum Beispiel an geeigneten Werkzeugen für kleinere und größere Reparaturen; oder die Bedienungsanleitungen waren nicht immer gut zu entziffern. Die Verbindung zwischen den einzelnen Decks funktionierte nicht richtig. Während die Matrosen sich abrackerten, begannen sich die Passagiere zu langweilen, weil sie nicht wussten, was sie jetzt tun sollten. Und da die oberen Ränge offenbar auch sehr mit sich zu tun hatten, kam das Gerücht auf, dass der Kompass zerbrochen sei oder dass es ihn am Ende noch nie gegeben hätte. Wohin fahren wir? Diese Frage war in den Maschinenräumen und auf den Decks immer lauter zu hören.

Da wurde es Zeit, dass der Kapitän und seine Offiziere etwas unternahmen. Mit Hilfe der Navigatoren und Steuerleute kam es zu einer Kursüberprüfung und Justierung des Kurses: Es wurden im Mai 2002 die so genannten Eckpunkte formuliert, die auf eine notwendige gemeinsame Grundausrichtung an den Stellen hingewiesen haben, die unklar und strittig waren. Diese Richtungshinweise gaben Aufwind und die Matrosen sahen ihre Aufgaben wieder deutlicher.

Doch dieser Aufwind dauerte nicht lange: Nachdem die Matrosen die ihnen aufgetragene Arbeit -oft im Schweiße ihres Angesichts -fertiggestellt hatten, wurde sie in der vorgelegten Form von der Schiffsleitung nicht angenommen: Die erste Lesung der Texte, die für September 2002 vorgesehen war, kam nicht zustande. Stattdessen wurden Redaktionsgruppen eingesetzt, die die Texte nach klaren Vorgaben bearbeiten sollten.

Diese Entscheidung hat manche Mitglieder der Mann- und Frauschaft verärgert und misstrauisch gemacht: Wozu haben wir uns angestrengt, wenn unsere Arbeit jetzt von anderen erledigt wird? Andere Besatzungsmitglieder wurden müde und zweifelten hin und wieder am Sinn des Unternehmens. Die Passagiere begannen sich zu fragen, ob das Schiff fährt oder ob es nicht auf Sand aufgelaufen ist. Schließlich hört man seit längerem keine Maschinengeräusche. Lohnt es sich, an Bord zu bleiben? Wann geht es weiter? Geht es überhaupt weiter?

In keiner anderen Phase des PZG hat die Leitung so tief eingegriffen und Weichen gestellt. Dass das so geschehen ist, ist die Frucht eines Lernprozesses, der auch von den Navigatoren -den theologischen Beratern und der Organisationsberatung -angestoßen wurde. Die Frage stand, ob es nicht besser wäre, das Schiff erst mal einen Hafen anlaufen zu lassen und zu überwintern, um in Ruhe die Karten neu zu studieren.

Kapitän und Leitungscrew haben sich entschieden, weiter zu fahren, dabei allerdings die Geschwindigkeit zu drosseln, damit alle Beteiligten die Vision wiederfinden und ihre Arbeit samt der Werkzeuge neu daran ausrichten können. In diesem langsameren Tempo konnte aufleuchten, wo es Unstimmigkeiten im Kurs gegeben hatte: Das waren beispielsweise unterschiedliche und teilweise einseitig negative Bewertungen der Welt, in der wir leben; oder Uneinigkeit in Bezug auf das, was wir unter Mission verstehen wollen; oder offene Fragen hinsichtlich der Ziele und Ressourcen. Anders gesagt: Es ist aufgeleuchtet, dass der Kurs grundsätzlich den Aufbruch anzeigte, aber die tatsächlichen Bedingungen und Konsequenzen noch nicht klar genug zu Ende gedacht waren. Diese Konsequenzen kommen zurzeit in den Blick und spiegeln sich in den Texten wieder, die jetzt der Bistumsdiskussion übergeben worden sind oder werden.

Das PZG-Schiff ist wieder im Aufwind und hat seine vierte Etappe begonnen. Die Schiffsleitung lädt wieder zu einem gemeinsamen Abenteuer des Lernens und Entdeckens ein. Denn das ist es, was sich als Frucht der bisherigen Fahrt zeigt: Es geht um Neuland, um eine neue Pastoral angesichts der Umbrüche unserer Zeit. Es ist nicht mehr möglich, einfach weiterzumachen wie bisher, vielleicht mit verfeinerten Methoden. Es braucht den Mut und die Geduld, wohl über Jahre hinweg umzudenken und umzulernen. Im Leitbild-Textentwurf ist davon die Rede, dass wir eine Wende vollziehen wollen: von den Gewohnheiten und Einstellungen eines Diaspora-Bistums hin zu einer missionarischen Kirche, auch wenn noch darüber zu diskutieren ist, was genau darunter zu verstehen ist. Dies wird jetzt all denen zugemutet, die sich von Anfang an auf das Schiff begeben hatten, aber auch denen, die bisher skeptisch geblieben waren. Die weitere Fahrt wird davon abhängen, wie viele sich erneut oder zum ersten Mal anstecken lassen von der Vision: von der Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.

Natürlich bleiben manche Fragen offen: Was ist mit denen, die auf das Schiff gehören und nicht da sind? Oder die Frage, ob die bisherige Fahrt nicht hätte anders verlaufen können und müssen -ob der Navigationsplan gestimmt hat -und ob man so manche Zumutungen hätte vermeiden können, die es für viele Beteiligte gegeben hat -und dies durchaus quer durch die Schiffsbesatzung. Ob man nicht vor zwei Jahren an dem Punkt hätte sein müssen, an dem man jetzt ist? Doch wenn man bedenkt, dass es niemanden auf dem Schiff gibt, der schon einmal eine solche Fahrt unternommen hat, ist es nicht verwunderlich, dass es so gelaufen ist und dass das Schiff manchmal ins Schlingern gekommen ist. Dann ist es sogar erstaunlich, dass immer noch so viele Leute an Bord sind, und dass es immer neuen Aufwind gab und gibt. Offensichtlich ist diese Fahrt nicht nur die Sache derer, die an Bord sind. Offensichtlich fährt da noch ein anderer mit. Mein Wunsch für das PZG-Schiff ist es, dass es seine Navigation auf diesen Begleiter abstimmt. Denn nur so sind die Zumutungen aushaltbar, die es gegeben hat und geben wird. Und nur so kann das Schiff seine Route finden und halten -und sich gefahrlos auch in unbekannte Gewässer vorwagen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 5 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 30.01.2003

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