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Aus der Region

Wiederaufbau scheint jetzt möglich

Diskussionen um die Leipziger Paulinerkirche

Erinnert an die gesprengte Kirche: Eine Stahlkonstruktion vor der Leipziger Universität erinnert an die Sprengung der Universitätskirche 1968.

Leipzig (tdh / epd / kna) -Die sächsische Landesregierung unterstützt den Wiederaufbau der Paulinerkirche am Leipziger Augustusplatz. Einen entsprechenden Beschluss fasste das Kabinett am Dienstag. Laut Mitteilung des Wissenschaftsministeriums werde für die Bebauung des Platzes in der Leipziger Innenstadt eine Variante befürwortet, der die notwendige Fläche für den Wiederaufbau der Kirche freihält.

Das Bistum Dresden-Meißen hat die Entscheidung begrüßt. Sie mache einen Wiederaufbau möglich, hieß es. "Damit kann ein Zeichen gesetzt werden für die Wiedergutmachung kommunistischen Unrechts, das mit Sprengung der Kirche und Verdrängung der katholischen Gemeinde aus dem Stadtzentrum vom damaligen SED-Regime verübt wurde." Das Bistum sei bereit, nach Fertigstellung die Trägerschaft zu übernehmen, werde sich aber nicht als Bauherr betätigen. "Das Bistum betont, dass Gestaltung und Nutzung der Kirche in jedem Fall im ökumenischen Miteinander erfolgen wird." Bereits am Montag hatten evangelische und katholische Kirche eine Zusammenarbeit vereinbart. Die Bischöfe Joachim Reinelt und Volker Kreß hatten beschlossen, sich über "alle Aspekte" eines möglichen Wiederaufbaus zu verständigen.

Die evangelische Kirche forderte in einer ersten Stellungnahme nach der Entscheidung des Landes dazu auf, das Anliegen zu überdenken. Mit dem angestrebten Wiederaufbau werde die traditionsreiche Kirche, in der seit der Reformation die Universitätsgottesdienste stattfinden, aus der Verantwortung der Universität und ihrer Theologischen Fakultät gelöst.

Eine Entscheidung darüber, wer Träger der Kirche werde, müsse noch mit den beiden großen Kirchen diskutiert werden, sagte Sachsens Wissenschaftsminister Matthias Rößler (CDU). In der Regierung sei man sich einig gewesen, dass nur eine ökumenische Lösung sinnvoll sei. Mit Stadt und Universität sollen nun Gespräche geführt werden, um alle Interessen unter einen Hut zu bringen. Die Regierung könne die Universität zwar nicht gegen ihren Willen dazu bringen, die Paulinerkirche wieder zu errichten. Die Universität jedoch könne den Augustusplatz nicht aus eigener Kraft bebauen, fügte Rößler hinzu.

Der Augustusplatz soll bis 2009 neu gestaltet werden. Geplant war bisher unter anderem, an Stelle der gesprengten Kirche eine "Pauliner-Aula" zu errichten, die als Veranstaltungsraum und "geistliches Zentrum" der Hochschule unter anderem für die theologische Fakultät und Universitätsgottesdienste genutzt werden sollte.


STICHWORT: SPRENGUNG DER UNIKIRCHE

"Bauarbeiter leisteten Maßarbeit" titelten am 31. Mai 1968 ostdeutsche Zeitungen, einen Tag nach der Sprengung der Universitäts- oder Paulinerkirche in Leipzig. Zynischer hätte es wohl nicht formuliert werden können, vor allem aus Sicht derer, die sich für den Erhalt eingesetzt hatten. Nur eine Woche nach dem Beschluss der Stadtverordneten wurde die Kirche in Schutt und Asche gelegt. Die Sprengung war Teil eines Konzeptes zur "sozialistischen Umgestaltung" des Augustusplatzes, des späteren Karl-Marx- Platzes. Der aus Leipzig stammende damalige DDR-Staats- und SED-Chef Walter Ulbricht hatte auf dem fünften Parteitag der SED 1958 angeregt, dem Platz ein "einheitliches Gesicht" zu geben. Ein Jahr später bestätigte die SED-Bezirksleitung die Vorlage für das Politbüro, die das Stadtbauamt ausgearbeitet hatte. Der Karl-Marx- Platz sollte ein politisches und gesellschaftliches Zentrum werden. Auch die Welle des Protestes, die nach dem Bekanntwerden der Pläne einsetzte, konnte die Sprengung nicht verhindern. "Uns hat es sehr wehgetan, dass die Demonstrationen im Westen nicht beachtet wurden", sagt der Präsident des Deutschen Caritasverbandes, Hellmut Puschmann, damals Kaplan in Leipzig.

as


STICHWORT: KATHOLIKEN UND PAULINERKIRCHE

Viele Mitglieder der Propsteipfarrei in Leipzig haben eine enge Bindung an die Universitätsoder Paulinerkirche. Obwohl sie seit der Reformation ein protestantisches Gotteshaus war, wurden in der Universitätskirche nach der Bombardierung der Propsteikirche 1943 bis zur Sprengung 1968 regelmäßig katholische Gottesdienste gefeiert. Auch danach genossen die Katholiken die Gastfreundschaft der evangelischen Innenstadtgemeinden, bis 1982 ihr Kirchenneubau am Rosenthal eingeweiht wurde. Bis heute haben sie aber auch in der evangelischen Nikolaikirche im Stadtzentrum für Gottesdienste Gastrecht. Den Katholiken keinen Platz im Innenstadtbereich zur Verfügung zu stellen und sie damit aus dem Blickfeld zu verbannen, das war eine bewusste Entscheidung der SED-Verantwortlichen. Um so wichtiger ist es der Propsteigemeinde heute, in Zukunft wieder im Leipziger Zentrum präsent zu sein.

kpi

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 5 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 30.01.2003

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