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Aus der Region

Im politischen Dialog dabei

Aus der Arbeit des Katholischen Büros

"Kirche in Staat und Gesellschaft -Erfahrungen aus kirchlicher Sicht in Thüringen" -zu diesem Thema sprach der Leiter des Katholischen Büros Erfurt, Winfried Weinrich, anlässlich des Neujahrsempfangs des Bischöflichen Kommissarius für das Eichsfeld in Heiligenstadt. Der TAG DES HERRN veröffentlicht einen Auszug:

Kirche nimmt das Recht in Anspruch, auch politische Angelegenheiten einer sittlichen Beurteilung zu unterstellen, wenn die Grundrechte der menschlichen Person es verlangen. Um diesen Satz in rechter Weise ausfüllen zu können, sind einige Voraussetzungen in Staat, Kirche und Gesellschaft notwendig. Ich nenne nur einige Stichworte: Dialogfähigkeit, geeignete Strukturen für einen Dialog, eine kontinuierliche Gesprächskultur zwischen Kirche, Staat und Gesellschaft, Sachkompetenz und eine gesamtgesellschaftliche Wahrnehmungsfähigkeit.

Ich stelle fest, dass wir einiges aufgebaut und erreicht haben: Regelmäßige Gespräche mit politisch Verantwortlichen, Kontakte zu Parteien und Fraktionen, regelmäßige Arbeitsgespräche mit Ämtern, Behörden und Ministerien, aber auch der Austausch mit Vertretern der Gewerkschaften und der Wirtschaft sind zum Alltag geworden und prägen vor allem auch meine Arbeit im Katholischen Büro. Seit Beginn meiner Arbeit habe ich immer wieder Gelegenheit, für die katholische Kirche im Thüringer Landtag, im Rahmen von Anhörungen zu den die Kirchen und die Wohlfahrtsverbände betreffenden Gesetzgebungen Stellung zu nehmen und die kirchlichen Positionen einzubringen. Darüber hinaus ist es wichtig, etwa in Hintergrundgesprächen oder Akademieabenden den Diskurs über wertbezogene Fragen unserer Gesellschaft zu führen und zu vertiefen. Inhaltliche Schwerpunkte sind dabei die Themen Familie, Bildung, bioethische oder friedensethische Fragestellungen.

Hans Maier, ehemaliger Kultusminister aus München, hat dies kürzlich zum Elisabethempfang in Erfurt wie folgt formuliert: "Die Kirche muss dem heutigen Staat mit angemessenen Mitteln begegnen. Sie muss ihm helfen, ihn begleiten -auch ihn warnen und ihm widersprechen, wo es nötig ist. Dabei genügt es nicht, dass die Kirchen die Politik von allen Seiten mit einem ,Es ist dir nicht erlaubt!' umstellen, aber kein Wort darüber verlieren, was denn nun in einer gegebenen Situation erlaubt, ja geboten sein könnte ...Es könnte ein ideeller Exemplarismus sein, der aus einer Kirche der Freiheit, Demut, Liebe hinüberwirkt in den Raum von Politik und Gesellschaft -eine Offenheit und Verlässlichkeit, ein neuer Freimut, eine Sicherheit des Sprechens, ein Verzicht auf Taktik, auf Vorteile."

Politische Angelegenheiten einer sittlichen Beurteilung zu unterstellen kann aber auch heißen, kirchlicherseits für die sozial Schwachen in der Gesellschaft, die keine Stimme oder keine Lobby haben, Stellung zu nehmen wie für Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, für das ungeborene Leben, für Behinderte, Asylbewerber, für Familien und Alleinerziehende.

Mit welchen Problemen ist die eben erläuterte These verbunden?

Ersten: Dem Dialog über gesellschaftliche Fragestellungen sind Grenzen gesetzt, weil gerade in unserer Diaspora kirchlicherseits nicht alle Fragen mit ausreichender Kompetenz behandelt werden können. Dies bedeutet eine Konzentration auf ausgewählte Schwerpunkte.

Zweitens: Die Kirchen stehen immer öfter vor dem Problem, sich zu etwas zu verhalten, das sich außerhalb des für sie verbindlichen ethischen Rahmens bewegt. Einige Beispiele, die in den 80er Jahren gesetzlich ermöglichte Methode der extrakorporalen Befruchtung, die sich heute daraus ergebende Diskussion um die Präimplantationsdiagnostik und das Institut der gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft in einem eheähnlichen gesetzlichen Rahmen. Ich meine jedoch, gerade wenn die beschriebenen Beispiele eine gesellschaftliche Akzeptanz finden, darf sich die Kirche auch bei diesen Themen nicht zurückziehen, sondern muss sich auch hier positionieren.

Drittens: Die angesprochenen Fragen sollten gerade in der Diaspora weitgehend in ökumenischer Offenheit und Gemeinsamkeit angegangen werden, damit die Kirchen möglichst mit einer Stimme sprechen können. Dies ist keine Selbstverständlichkeit und nicht in allen Fällen zu erreichen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 4 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 23.01.2003

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