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Bistum Erfurt

"Notfalls müssen wir auch streiten"

Neujahrsempfang des Bischöflichen Kommissarius im Eichsfeld

Die Gesellschaft mit gestalten: Der Bischöfliche Kommissarius für das Eichsfeld, Heinz Josef Durstewitz (links) mit dem Thüringer Bundestagsabgeordneteten Manfred Grund (CDU).

Heiligenstadt (as) -Christliches Engagement in der Gesellschaft, soziale Verantwortung und der Einsatz für eine menschenwürdige Welt. Das waren die Hauptthemen beim diesjährigen Neujahrsempfang des Bischöflichen Kommissarius für das Eichsfeld, Propst Heinz Josef Durstewitz, am 10. Januar in Heiligenstadt. Gäste aus Kirche, Politik und Gesellschaft waren gekommen, um Rückschau zu halten, Erfahrungen auszutauschen und miteinander zu feiern. Den Festvortrag hielt der Leiter des Katholischen Büros für Thüringen, Ordinariatsrat Winfried Weinrich. Der Chor des Gymnasiums der Bergschule St. Elisabeth stellte Titel von seiner zweiten CD vor, die im März erscheinen soll.

Eine Bestandsaufnahme vor allem der gegenwärtigen Sozialpolitik der Bundes- und Landesregierung nahm der Landrat für den Eichsfeldkreis, Werner Henning, vor. In ungewöhnlich scharfer Form kritisierte er, dass die finanzielle Verantwortung für die Sozialhilfe und für die Eingliederungshilfen für Behinderte künftig auf die Kommunen abgewälzt werden soll. Abgesehen davon, dass die Schmerzgrenze für die Kommunen schon lange erreicht sei, könne sich der Staat nicht seiner Verantwortung entziehen. "Ein Staat mit weniger Aufgaben vor allem im sozialen Bereich, schafft sich selbst ab", betonte Henning.

Der Landrat forderte einen "ehrlichen Umgang mit unseren Belangen", indem die Lasten gleichmäßig verteilt werden. Durch die besondere "christliche Sozialgeschichte" des Eichsfeldes lebe in der Region beispielsweise eine große Zahl von Behinderten, für die andere Landkreise keine Verantwortung übernehmen. Ähnlich verhalte es sich mit Asylbewerbern. "Aus reiner Nächstenliebe ist das alles aber nicht mehr zu finanzieren", sagte Henning am Rande des Neujahrstreffens gegenüber dem TAG DES HERRN.

Über das Verhältnis von Staat und Kirche seit der Wende sprach der Leiter des Katholischen Büros für Thüringen, Winfried Weinrich. Mit der Wiedervereinigung habe auch den kirchlichen Einrichtungen und Strukturen offen gestanden, ihre eigene Form der Präsenz in der Gesellschaft zu suchen. Weinrich lobte die Kooperation mit dem Freistaat Thüringen, die unter der Wahrung der Eigenständigkeit der Kirchen seit 1990 "kontinuierlich und in einvernehmlicher Weise" ausgestaltet worden sei. Jüngstes Beispiel dafür sei der abgeschlossene Vertrag über die Integration der Theologischen Fakultät Erfurt in die Universität der Landeshauptstadt. Die Kooperation Staat und Kirche seien freilich nicht immer konfliktfrei. So sei die Präsenz kirchlicher Dienste in der Diaspora "nur exemplarisch an ausgewählten Stellen möglich". Das christliche Profil einer Schule zum Beispiel setze auch entsprechende Lehrkräfte voraus. Hier stoße man auch an personelle Grenzen.

Der Bischöfliche Kommissarius, Propst Heinz Josef Durstewitz, bedankte sich bei den Anwesenden "für die gemeinsame Gestaltung des Eichsfeldes". Hier sei man froh über den Verlauf der Geschichte. Schnell habe man sich an die Vorzüge gewöhnt und sich ihnen gern angepasst. "Aber wir sollen und wollen auch nicht verlernen, notfalls alternativ zu leben und uns gern zu streiten, wenn wir unsere Werte in Gefahr sehen" betonte Durstewitz. Als einen "bemerkenswerten Glücksfall" bezeichnete es der Kommissarius, wenn man spüre, dass das Evangelium auch dem gesellschaftlichen Handeln Richtung und Sinn gibt. Dies geschehe durch das Engagement, aber auch durch "das Gespräch der Leute aus verschiedenen Aufgabenbereichen". Durstewitz forderte, dass die "Schwächsten nicht dem Tempo der Starken geopfert werden dürfen".

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 3 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 17.01.2003

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