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Bistum Magdeburg

Was Jugendliche bewegt

Ein Gespräch mit zwei Schülern und Schulseelsorger Kunz vom St.-Elisabeth-Gymnasium in Halle

Halle (ep) -Jugendliche genießen das Leben. Aber sie sehen sich auch Anforderungen gegenüber. Und sie haben ihre Probleme. Das wissen die jungen Leute, und das wissen auch Erwachsene, die junge Menschen mögen und ihnen helfen wollen, den Weg in und durch das Leben zu finden. Schulseelsorger Christoph Kunz aus Halle ist einer von diesen Erwachsenen. Der TAG DES HERRN traf sich mit ihm und mit den Schülern Luise Gebauer (15) und Patrick Woytkowska (15) vom hallischen St. Elisabeth- Gymnasium.

"In der Schule wird schon einiges abverlangt", sagt Luise (10. Klasse). "Die meisten von uns sind auch bereit, Leistung zu bringen. Aber wenn man dann vielleicht Probleme hat mit der Familie oder mit Freunden und -vielleicht bedingt dadurch -auch in der Schule massive Schwierigkeiten auftreten, kann es schon eng werden." Wie bei ihrem Klassenkameraden Patrick. Er war im letzten Schuljahr leistungsmäßig "total abgesackt", wie er selbst sagt. Freunde wollten ihm helfen, baten Schulseelsorger Kunz um Unterstützung. "Herr Kunz hat mich angesprochen, hat mir zugehört ... Er ist eine Art horchendes Ohr in der Schule", sagt Patrick. "Er hat mir geholfen ...Wissen Sie, manche Lehrer sind total sturköpfig. Wenn sie dann auf einen treffen, der ebenso sturköpfig ist wie ich zum Beispiel, wird es schwierig.."

"Jeder von uns weiß, dass Herr Kunz eine außenstehende Person ist und man mit ihm Dinge bereden kann, die ins Persönliche gehen", sagt Mitschülerin Luise. "Das wissen wir zu schätzen. Das macht ein Stück unserer christlichen Schule aus." Gut finden die jungen Leute auch, dass Kunz einen Sorgenkasten aufgehängt hat, in den die Schüler Zettel mit Aufzeichnungen über das, was sie bedrückt, einwerfen können. Der Pfarrer versucht, die Anliegen bei Lehrerkonferenzen einzubringen. Bislang war Kunz vor allem in den Pausen im Schulhaus präsent, lud die Schüler zum Beispiel in der Adventszeit im Flur zum Schokokuss-Essen ein. Seit kurzem ist er dienstags und donnerstags in einem Raum der Schulbibliothek zu finden: So haben die Schüler einen Anlaufpunkt, wenn sie ihn treffen wollen.

"Die Schule ist ein Ort, an dem Freundschaften entstehen, gemeinsam etwas unternommen wird", sagt Kunz. "Die Schüler müssen sich allerdings darauf einlassen und bereit sein, in und um die Schule herum miteinander zu lernen, sich auch Lebenstaktiken anzueignen.

Sehnsucht nach Ruhe und Aufgehobensein

Bei meinem Dienst fällt mir auf, wie wenig Konzentrationsfähigkeit die Jugendlichen haben", sagt Kunz. Dem stehe jedoch die Sehnsucht nach Ruhe und Meditation gegenüber. So habe sich die zehnte Klasse, in der er Religionsunterricht gibt, gewünscht, Meditationsübungen kennen zu lernen. "Die Gymnasiasten sehnen sich nach Zeiten der Ruhe. Sie sind dankbar für Räume, in denen sie in allem unruhigen Hin und Her des Alltags ganz bei sich sein können."

Ähnliche Wünsche findet der junge Priester auch bei den Schwesternschülerinnen des Krankenhauses St. Elisabeth und St. Barbara, wo er ebenfalls als Religionslehrer und Seelsorger tätig ist: "Die Schülerinnen, die zu einem erheblichen Teil keine Christinnen sind, schätzen unsere Einkehrtage im Mittel- und im Oberkurs", sagt Kunz. "Zum Programm gehören dann Entspannungsübungen, Meditationen und Rituale, die helfen, mit der eigenen Lebensgeschichte umzugehen. Solche Rituale ermöglichen den jungen Leuten, ungute Erfahrungen und Erlebnisse zu bewältigen". Es gebe eine "große Sehnsucht, mit der eigenen Geschichte vorzukommen und aufgehoben zu sein". Die jungen Frauen wünschen sich das Gefühl, "selbst gelten zu können, sagt Kunz. Sie möchten, dass ihre Geschichte mit Respekt angeschaut wird und sie Hilfe erfahren, Dinge, die ihnen auf der Seele brennen, loszuwerden".

Schüler des St.-Elisabeth- Gymnasiums hätten in der Fußgängerzone Halles Passanten gefragt, was ihnen heilig ist. Familie und Freundschaft standen dabei "hoch im Kurs", sagt Kunz, der die Jugendlichen im Religionsunterricht dazu angeregt hatte. Heilig seien den jungen Leuten zudem ihr Computer und das Bett. "Letzteres darf man sicher im Sinne von ,Selber sein', ,Geborgen sein'. ,Ganz bei sich sein' deuten", sagt Kunz.

Richtiges Rauschgift ist unter ihren Mitschülern "kein Thema", erzählen -danach gefragt -Luise und Patrick. Gekifft (also Haschisch oder Marihuana geraucht) würde allerdings schon. Schulseelsorger Kunz bestätigt dies. Mit Sorge sieht er, dass sich die Mädchen und Jungen "an die Zigarette gewöhnen, so lange ihnen das mit großer Selbstverständlichkeit von den Erwachsenen vorgemacht wird". Sorgenvoll stimmt ihn auch die Magersucht mancher Mädchen. "Das sind meist hoch sensible, sehr ehrgeizige junge Leute, die sich hohen Leistungsanforderungen aus Elternhaus und Schule gegenübersehen und nicht ihr eigenes Leben leben, sondern unterschiedlichen Rollen gerecht zu werden versuchen. Und in dieser Situation von ihrem Selbst her innerlich aushungern".

"Junge Leute sehen sich teilweise existentieller Kritik ausgesetzt wie etwa: ,Du hast die falschen Freunde' oder ,Du hast schon wieder 'ne Vier', erzählt Luise. Von Eltern käme auch: "Du bist noch zu jung für einen Freund. Du darfst dich nicht mehr mit ihm treffen." Mit solchen Haltungen der Eltern konfrontiert zu sein bedeute Stress. Und wenn zu den persönlichen Problemen Lernprobleme hinzukämen, sei es schon kritisch..

Für die Schüler der fünften und sechsten Klassen bietet Schulseelsorger Kunz im Blick auf Schwierigkeiten, die jeden einmal ereilen können, ein Anti- Stress-Training an. Im Rollenspiel lernen die Schüler, was helfen kann, wenn es mal richtig schwierig wird. Auch in der Sekundarschule in seinem Pfarrgebiet Halle-Silberhöhe bietet der Seelsorger ab diesem Monat ein solches Training für Schüler an.

Stärkung der Fähigkeiten, das Leben zu bestehen

"Unter dem Motto ,Grenzgänge' soll es auch bei einem Ferienangebot für die Zehntklässler im Sommer um die Stärkung der Lebens-Fähigkeiten gehen. Dann stehen wahlweise Fahrradfahrt, Klettertour, Wander- oder Paddeltour auf dem Programm. Gemeinsam werden die Tage im Laufe des Schuljahres vorbereitet. "Mit Hilfe des erlebnispädagogischen Ansatzes sollen die sozialen Kompetenzen gestärkt werden und zwanglose Möglichkeiten entstehen, untereinander und mit den Lehrern, die sich freiwillig beteiligen, über Lebensfragen ins Gespräch zu kommen", sagt Pfarrer Kunz.

Gelassenheit, aber keine "Null-Bock-Stimmung"

Seit dem Hochwasser im Sommer hat es sich herumgesprochen: Wenn es darauf ankommt, fassen junge Leute zu. Und sie sind an ihrer Welt interessiert -jedenfalls die am Elisabeth- Gymnasium. "Umweltfragen oder Politik sind durchaus Themen", sagt Luise. "Zum Beispiel der drohende Irak-Krieg." Eine "Null-Bock-Stimmung" kann sie bei sich und ihren Mitschülern nicht feststellen. Im Gegenteil. Alle Mitschüler in ihrer Klasse seien motiviert, sich den aktuellen Anforderungen zu stellen.

Christoph Kunz kann dies wiederum nur bestätigen. Und eine etwa im Blick auf die berufliche Perspektive zu beobachtende Haltung der Jugendlichen nach dem Motto "Schauen wir mal.." findet der Schulseelsorger eher nachahmenswert. "Im Blick auf die Zukunft lassen viele junge Leute alles auf sich zukommen", sagt er, "Angesichts etwa der Tatsache, wie viele in den Westen ziehen, schätze ich die Jugendlichen, die mit Gelassenheit sagen: Schauen wir doch mal. Zumal in der Gesellschaft nicht selten Stimmungen die Realität überdecken."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 2 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 09.01.2003

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