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Aus der Region

VLK: "Wir müssen uns befreunden!"

Eine Tagung zur Einstimmung auf den Ökumenischen Kirchentag

Berlin (jb / tdh) -Mit zwei "Landpfarrern" begann die Veranstaltung in der Katholischen Akademie. Der eine, Heinrich Timmerevers, ist inzwischen Weihbischof in Münster, der andere, Wilfried Scheuer, nach wie vor Pastor in Visbek im Oldenburger Land. In den 40er Jahren gab es nur einen evangelischen Christen in Visbek; es war der Polizist. Erst nach dem Krieg kamen "Evangelische" in den Ort -und blieben Fremde, denn: "Sie hatten die falsche Konfession, eine andere Kultur, und sie sprachen nicht Plattdeutsch", erzählt der evangelische Pastor Scheuer. Weihbischof Timmerevers -Anfang der 90er Jahre Pfarrer in Visbek -ergänzt: Sein Vorvorgänger habe noch gepredigt, Katholiken dürften keine evangelische Gottesdienst-Übertragung am Radio verfolgen. In den 80er Jahren kommt es zu vorsichtigen ersten Annäherungen. 1990: Der Golfkrieg droht. Zum Friedensgebet treffen sich über 1200 katholische und evangelische Christen in der katholischen Pfarrkirche. "Die Älteren hatten noch nie einen evangelischen und einen katholischen Pfarrer nebeneinander in der Kirche stehen und miteinander beten sehen", erinnert sich Weihbischof Timmerevers.

Aus dem Friedensgebet entwickelt sich ein "Kreis konfessionsverbindender Ehepaare". Weil die Verletzungen bei denen, die in "Mischehe" leben, besonders tief sind, etwa durch lieblose Trauungen und gegenseitige Ausgrenzungen im Gemeindeleben, wählen beide Pfarrer den Begriff "konfessionsverbindend", um mit den Ehepaaren herauszuarbeiten und dann auch praktisch umzusetzen, was verbindet: die Einladung des katholischen Vaters zu den Elternabenden vor der Konfirmation seines Kindes oder die Segnung der evangelischen Mutter bei der Feier der Erstkommunion ihres Kindes, zum Beispiel. Über die Seelsorge beginnt das theologische Gespräch, wächst Neugierde auf die andere Konfession. Als die evangelische Gemeinde einen Kirchneubau plant, stellt die Mehrheit der Katholiken fest, noch nie deren bisherige Notkapelle betreten zu haben und holt das nach. "Es war, als baute die Ökumene unsere Kirche", erinnert sich Pastor Scheuer.

Nach der Einweihung der evangelischen Kirche setzt eine "ökumenische Depression" ein. Es wird fruchtlos debattiert und genörgelt, man kommt nicht weiter, verliert die Lust. Die Pfarrer versuchen es mit einer Fahrt nach Wittenberg. Dort gehen alle am Samstagabend zur heiligen Messe, am Sonntagmorgen zum evangelischen Gottesdienst am Grab Martin Luthers. Bewusst halten sie den Schmerz aus, nicht gemeinsam kommunizieren zu können. Im Nachklang dieser Fahrt besinnt man sich wieder auf das Verbindende: Eine Tauferinnerungsfeier der Christen von Visbek wird zum Neuanfang. Sogar ein Ökumenischer Rat wird gegründet. Man ist sich einig: Jeder bewahre der eigenen Tradition getreu sein Profil, und jeder stehe für den anderen ein.

Um der Versöhnung willen etwas riskieren

Der Bericht aus Visbek war für die Neujahrstagung, zu der die Priester der Fokolar-Bewegung und das Ökumenische Lebenszentrum Ottmaring eingeladen hatten, wie eine Beispielerzählung. Kardinal Miroslav Vlk aus Prag ging in seinem Referat auf die Bedeutung solcher persönlichen Begegnungen ein: "Wir sind Geschwister im Glauben. Deshalb müssen wir uns befreunden und um der Versöhnung willen auch etwas füreinander riskieren." Vlk sprach von den regelmäßigen Treffen lutherischer, anglikanischer, orthodoxer und römischkatholischer Bischöfe, deren Ziel es sei, "aus der tiefen Erfahrung der einen Kirche Jesu Christi heraus miteinander zu beten, aufeinander zu hören und die Kirche des anderen so lieben zu lernen wie die eigene." Auf der Ebene gelebter Freundschaft könnten dann auch "heiße Themen" wie das Petrusamt fruchtbringend besprochen werden.

Der griechisch-orthodoxe Bischof Evmenios Tamiolakis, Bonn, griff diese mystische Sicht der einen Kirche auf: "Die Christen können gespalten sein, doch niemals die Kirche Jesu Christi. Niemand hätte die Kraft, diese eine Kirche zu spalten. Denn im Heiligen Geist gehören wir alle zusammen, ob wir das wollen oder nicht." Im Blick auf den Ökumenischen Kirchentag appellierte er an die Verantwortlichen, die orthodoxen Kirchen nicht zu vergessen: "Ohne uns ist die Ökumene nicht vollständig."

Bischof Hans Christian Knuth (Schleswig) wies in seinem Referat nach, wie geistliche Erfahrung und differenzierende Theologie zusammengehören: "Ziel des ökumenischen Gesprächs ist nicht, sich gegenseitig die Lehren zu zensieren oder zu bestätigen, sondern die Glaubenswahrheiten im Leben der Glaubenden aufzuzeigen." Dafür brauche es eine persönliche Atmosphäre, den Mut zur Wahrheit und die Bereitschaft, im historischen Abstand die Überzeugungen der Kontrahenten in der Reformationszeit nüchterner zu sehen.

Ergänzt wurden die Vorträge immer wieder durch konkrete Erfahrungsberichte -zum Beispiel von Schwester Ruth Lagemann, die als evangelische Christin in der katholischen Gemeinschaft Chemin Neuf in Berlin lebt und dafür "Kühnheit und Geduld" braucht. Oder von Pfarrer Dr. Gottlieb Hess, der im Ökumenischen Lebenszentrum Ottmaring nun schon in der zweiten Generation erlebt, wie anstrengend und doch faszinierend das Leben nach dem Wort Jesu ist, dass "alle sollen eins sein". Deutlich wurde in allen Wortmeldungen: Eine ganze Menge Einheit ist möglich, ohne Unterschiede zu verwischen. Davon soll der Ökumenische Kirchentag Zeugnis geben: "Ich werde meinen skeptischen Nordhessen nicht nur beibringen, wie man U-Bahn fährt, sondern auch, wie offen katholische Christen sein können", das wollte eine junge Vikarin. Und Bischof Joachim Reinelt aus Dresden sagte, er freue sich auf das große Christentreffen. Es solle "ein Fest für alle werden, damit sie Geschmack finden am Glauben an Jesus Christus."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 2 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 09.01.2003

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