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Frieden braucht beherzte Stifter

Johannes Paul II. kritisiert Vereinte Nationen / Botschaft zum Weltfriedenstag

Vatikanstadt - Die christliche Botschaft vom Frieden hat nichts mit zuckersüßem Eia-popeia zu tun. Das beweist mit einer in dieser Form einzigartigen Schärfe Johannes Paul II. in seiner Botschaft aus Anlass des Weltfriedenstages am 1. Januar. Den Vereinten Nationen wirft der Papst vor, ihrer Pflicht, die Menschenrechte zu schützen und umzusetzen, nur ungenügend nachzukommen. Angesichts der globalen Entwicklungen fordert er, die Arbeit an einer "neuen sittlichen Ordnung mit internationaler Geltung" zu beschleunigen. Den Regierenden schreibt der Papst ins Stammbuch, bestehende Verträge zu achten - insbesondere zu Gunsten der Armen. Damit erst niemand auf die Idee kommt, sich durch die Hintertür der Struktur- und Organisationsprobleme seiner persönlichen Verantwortung zu entledigen, stellt der Papst wenige Zeilen später klar: "Bei einer gründlichen Betrachtung der Dinge ist zu erkennen, dass der Friede weniger eine Frage der Strukturen als vielmehr der Personen ist."

Mit Verweis auf die vor vierzig Jahren erschienene Enzyklika seines Vorgängers Johannes XXIII. "Pacem in terris" (Frieden auf Erden) betont der Papst nochmals dessen besondere Wertschätzung für die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 und dessen Hoffnung auf die Autorität der Vereinten Nationen zu deren Schutz. Doch habe sich diese "vorausschauende Vision" einer völkerrechtlich verankerten öffentlichen Autorität im Dienste der Menschenrechte, der Freiheit und des Friedens noch nicht vollständig verwirklicht. "Man muss leider", fügt der Papst hinzu, "auch ein häufiges Zögern der internationalen Gemeinschaft bei der Pflicht, die Menschenrechte zu achten und umzusetzen, feststellen". Die internationale Gemeinschaft habe es zudem versäumt, in angemessener Weise auf den "Verpflichtungen zu bestehen", die sich aus den Rechten der Person ergeben. Denn die Pflicht stecke jenen Bereich ab, auf den sich die Rechte beschränken müssten, um nicht der Willkür Vorschub zu leisten.

Unter Hinweis auf Johannes XXIII. verweist der Papst mehrfach auf die entscheidenden Voraussetzungen für den Frieden: Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit. "Vielleicht gibt es keinen anderen Ort, an dem man die Notwendigkeit eines korrekten Umgangs mit der politischen Macht mit gleicher Klarheit zu erfassen vermag, wie in der dramatischen Lage im Nahen Osten und im Heiligen Land", so der Papst. Solange die Inhaber verantwortlicher Positionen nicht dazu bereit seien, "ihren Umgang mit der Macht beherzt in Frage zu stellen und sich um das Wohl ihrer Völker zu kümmern, wird man sich nur schwer vorstellen können, wie ein Fortschritt in Richtung Frieden tatsächlich möglich sein könnte". Das "Band zwischen Friede und Wahrheit" stellt der Papst dabei jeder Form von Propaganda gegenüber, besonders wenn solche Propaganda dazu dienen sollte, Absichten zu verhehlen. Zwischen dem Einsatz für den Frieden und der Achtung vor der Wahrheit bestehe eine "untrennbare Verbindung". Der Papst nennt die Ehrlichkeit bei der Erteilung von Auskünften, Gerechtigkeit in der Rechtsprechung und Transparenz der demokratischen Vorgänge.

Deutlich kritisiert der Papst auch Politikertreffen auf nationaler und internationaler Ebene. Die dienten nur dann dem Frieden, wenn die gemeinsame Übernahme von Verpflichtungen danach von jeder Seite respektiert werde; ansonsten drohten solche Treffen "irrelevant und nutzlos zu werden", attestiert Johannes Paul II. den Gipfeltreffen. Gerade gegenüber den Armen sei mit besonderer Sorge auf die Erfüllung übernommener Verpflichtungen Wert zu legen, betont der Papst und erinnert dabei an das antike Leitwort "Pacta sunt servanda" - Verträge sind einzuhalten. Die unterlassene Erfüllung der Versprechen zugunsten der Entwicklungsländer stelle ein ernstes moralisches Problem dar. Friedensstifter seien gefragt, so der Papst, die "eine dauerhafte Haltung des Friedens in ihrem Herzen hegen" und die Bedeutung der Folgen ihres Handelns "auf ihre Gemeinschaft und auf die Welt insgesamt begreifen".

Gerrit Schulte

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 52 des 52. Jahrgangs (im Jahr 2002).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 19.12.2002

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