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Aus der Region

Kontrast zur Leistungsgesellschaft

Weihnachten: Fest der Familie

Kurt Herzberg: Familien leben vom Ja zueinander.

In der Weihnachtszeit sind leuchtende Kinderaugen, Harmonie und Mitmenschlichkeit so etwas wie Leitbilder geworden. All diese Leitbilder gehören zu einem Fest der Familie. Gleichzeitig leben wir das Jahr über in einer Gesellschaft, in der eine Vielzahl anderer Werte wichtig sind. Die Werbung spiegelt uns ein buntes Bild von dem vor, was heute als erstrebenswert gilt: Jugendlichkeit, Schönheit, Leistung, Erfolg und Gesundheit.

Bei einer Umfrage gaben 63 Prozent der Deutschen an, dass der Begriff Leistungsgesellschaft unser Zusammenleben am besten beschreibt. Leistung steht dabei noch vor Industrie-, Arbeits- und Informationsgesellschaft. Soziale Anerkennung verdient, wer im Leben etwas leistet -das gilt im Beruf ebenso wie im privaten Bereich. Unternehmen sind nur dann gut, wenn sie erfolgreich sind. Altsein ist dann gut, wenn man mit Hilfe von Doppelherz noch tanzen oder irgendwo segeln kann, das heißt wenn man körperlich noch leistungsfähig (und das ist gleich gesund) ist. In der Arbeitswelt wird Durchsetzungsfähigkeit erwartet. Es ist nur ein kleiner Schritt von der Leistungsgesellschaft zur Ellenbogengesellschaft.

Angesichts solcher Leitbilder möchte ich fragen: Wo lernen Kinder und junge Menschen heute mitmenschlich miteinander umgehen? Wo erfahren sie -und zwar nicht nur sprachlich, sondern existentiell -, dass Leistung und Nützlichkeit nicht alles im Leben ist, dass der Schwache nicht nur geduldet, sondern geliebt und in seiner Schwäche angenommen werden kann. Wo erleben Menschen, dass man sich trotz der Unterschiedlichkeit aufeinander zu bewegen kann. Wo lernen Kinder, dass ihnen Fehler vergeben werden können?

Wir sprechen von der Sozialisationsleistung von Familien, der Tatsache also, dass Heranwachsende durch die Familie in das Leben nicht nur der Familie, sondern der Gesellschaft überhaupt eingeführt werden. Wir meinen damit aber nicht nur, dass Kinder in der Familie sprechen, aufs Töpfchen gehen und sich selbst anziehen lernen. Das alles geschieht auch. Entscheidend ist, dass Kinder in der Familie lernen, miteinander zu leben, einander anzunehmen, miteinander zu streiten, ohne den anderen fertig zu machen, einander zu vergeben. Sie lernen, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Und: Sie lernen dies nicht akademisch, sondern existentiell tief in ihrem Herzen.

Diese Erfahrungen haben aber nichts mit einer allein gefühlsbetonten Harmoniesucht zu tun, wie sie uns die Weihnachtswerbung glauben machen will. Nicht selten brechen an Weihnachten in Familien Konflikte auf und die Grenzen der gegenseitigen Belastbarkeit werden sichtbar, weil ein unwirklich rührseliges Miteinander erwartet wird.

Entscheidend ist: Familien leben vom grundsätzlichen Ja zueinander, sonst hören sie auf, Familie zu sein. Und Kinder erleben ihr Zuhausesein im Kontrast zur Leistungsgesellschaft, weil sich aus dem Angenommensein andere "Spielregeln" ergeben. Es sind aber gerade diese Spielregeln, von denen unsere Gesellschaft als ganze lebt. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit..

Kurt Herzberg, Familienseelsorger im Bistum Erfurt

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 52 des 52. Jahrgangs (im Jahr 2002).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 19.12.2002

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