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Bistum Erfurt

Eine neue Lebensperspektive finden

25 Jahre Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensberatung im Bistum Erfurt

An der Grenze angelangt: Immer mehr Menschen haben professionelle Beratung nötig.

Erfurt (as) -Erst Schweigen, dann Tränen und Sprachlosigkeit: "Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll". Dieser Situation ist Jörg Müller oft begegnet. Seit 15 Jahren arbeitet er als Berater in der Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensberatung in Erfurt. Es kommen Menschen, die nicht mehr weiter wissen, am Ende und auf der Suche nach einer neuen Lebensperspekive sind. In einem Festakt mit Bischof Joachim Wanke begingen die Beratungsstellen im Bistum am 23. November ihr 25-jähriges Bestehen. Zunächst waren sie beim Bischöflichen Ordinariat angesiedelt, seit 1995 sind sie dem Caritasverband angeschlossen. Für die Mitarbeiter Grund zurückzublicken und Ausschau zu halten.

"Der Titel Erziehungs,- Ehe-, Familien- und Lebensberatung beschreibt eigentlich schon den Inhalt unserer Aufgaben", erklärt Jörg Müller die Arbeit der Beratungsstellen. Kinder zum Beispiel seien diejenigen, die unter den Konflikten in der Familie am meisten zu leiden hätten. "Sie haben ein sehr feines Gespür dafür, wenn zu Hause etwas nicht stimmt", so Müller. Nicht selten komme es vor, dass Eltern ihre Kinder in der Beratung vorstellen, weil sie bestimmte Symptome wie auffällige Zurückgezogenheit oder Aggressivität zeigen.

Verstärkt Trennungs- und Scheidungsberatungen

"Die meisten Krisen, mit denen wir es zu tun haben, sind Beziehungskrisen", erläutert Jörg Müller, der zugleich Leiter der Beratungsstelle in Erfurt ist, weiter. Meist ist es einer, der unter einer Partnerschaft leidet und professionelle Beratung nötig hat. Krisen gibt es aber auch in Beziehungen zu den Kindern, wo Sprachlosigkeit und Langeweile herrschen, oder in Beziehungen zu alten Eltern, die immer noch in das Leben eingreifen. Manche kommen, wenn sie über den Verlust eines Menschen trauern. Müller: "In den letzten Jahren nehmen verstärkt die Trennungs- und Scheidungsberatungen zu." Aber: Die wenigsten kommen zur "vorbeugenden Beratung", die meisten, wenn das "Kind schon in den Brunnen" gefallen ist. "Dann müssen wir sehen, dass die gegenseitigen Verletzungen möglichst klein gehalten werden und dass vor allem die Kinder keinen allzu großen Schaden davon tragen." Fest steht: Der Bedarf nimmt zu. Das beweisen die langen Wartezeiten, die in der Beratungsstelle in Erfurt inzwischen bei zwei bis vier Monaten liegen.

Wie viele kirchliche Einrichtungen erlebte der Beratungsdienst in den ersten Jahren der Gründung vor allem unruhige Zeiten. Die Arbeit war durch die spezifische DDR-Situation gekennzeichnet -Gespräche durften nur in kirchlichen Räumen stattfinden und wurden staatlicherseits beargwöhnt. Bis 1989 arbeiteten insgesamt 19 Berater im Bistum, die zuvor in fünf Kursen ausgebildet worden sind.

Mit der Wende veränderte sich die Beratungstätigkeit grundlegend. Es gab die ersten Festanstellungen, die Dienste wurden staatlich anerkannt. Heute gibt es im Bistum mit Erfurt, Leinefelde und Suhl drei Hauptberatungsstellen mit insgesamt sieben Nebenstellen. Rund 1200 Menschen jährlich suchen hier Rat und Beistand. "Das Leben ist komplizierter und hektischer geworden. Den Menschen fehlt die Zeit zuzuhören, persönliche Ängste und Probleme werden kaum angesprochen", weiß Jörg Müller. Dadurch seien die Beziehungen, in denen Menschen leben, anfälliger und störbarer geworden als früher. Jeder könne in diese Situation geraten.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 48 des 52. Jahrgangs (im Jahr 2002).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 12.12.2002

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