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Auf zwei Minuten

Musik - ein Fenster zur Stille

Der Weg zu uns selbst kann sich durch Musik wieder öffnen

Pater Damian

Macht es überhaupt noch Sinn, wenn die Kirche in der Adventszeit dazu auffordert, uns in besinnlicher Stille auf Christi Geburt vorzubereiten? Die Wochen vor Weihnachten sind doch für die meisten von uns ausgefüllt mit praktischen Vorbereitungen auf das Fest, Einkäufen von Geschenken, Briefeschreiben, Advents- und Weihnachtsfeiern verschiedener Organisationen und Vereine ...Und für viele Menschen ist es sehr schwer eine Umgebung zu finden, in der sie zur Ruhe kommen. Einfach still sein und schweigen, ist nicht für alle ein gangbarer Weg zur Besinnung, weil sie es gewohnt sind, sich für viele Stunden von den Medien unterhalten zu lassen.

Der Saxophonist John Edward Kelly weist einen Weg auf, wie man innerlich still werden kann: "Musik ist das Fenster zur Stille, Stille die Tür zur Wahrheit. Was ich damit meine, ist ganz einfach: Wenn ich es nicht schaffe, in mir selbst die Stille zu erschaffen, wenn ich es nicht vermag, allerlei Gedanken und Bilder, die ständig in mich eindringen, beiseite zu lassen, werde ich durch das Fenster zur Wahrheit, was auch immer sie beinhalten mag, nicht schauen können, weil dieses Fenster ständig gefärbt wird durch Lärm, fremde Gedanken, alle möglichen Dinge. Und diese Stille, wenn sie einmal entsteht, macht es meines Erachtens möglich, die Welt ein bisschen unverfälschter zu sehen. Eine Tür geht ein kleines bisschen auf. Es ist eigentlich ziemlich viel, wenn es einem gelingt." Kelly spricht hier nicht von irgendeiner leichten Musik, von der man sich berieseln lässt, ohne wirklich konzentriert hinzuhören und bei der man sich anderen Tätigkeiten widmen kann. Er meint Musik, die uns ablenkt von Lärm, von Gedanken und Bildern, die ständig in uns eindringen. Dabei muss es sich nicht unbedingt um so genannte Meditationsmusik handeln, die im Handel angeboten wird. Gute, anspruchsvolle Musik fordert unsere wache Aufmerksamkeit und lenkt uns auf das Wesentliche hin. Sie wirkt reinigend und klärend, so dass unser Blick für die Realität weniger getrübt ist und wir für die Wahrheit offen sind. Ich glaube, wer bei einem Konzert oder auch zu Hause beim Anhören einer CD sich auf die Musik konzentriert, kann erfahren: In mir öffnen sich Türen zu Bereichen der Gefühle und Einsichten, die dem oberflächlichen Erleben verschlossen bleiben. Und ich kann mir vorstellen, dass ein aktiver Musiker -hier kann ich nicht aus Erfahrung mitsprechen -das in einer noch intensiveren Weise erfährt.

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 49 des 52. Jahrgangs (im Jahr 2002).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 13.12.2002

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