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Auf zwei Minuten

Ich liebe, also bin ich

Gott wird erst durch den Glauben zum festen Grund

Pater Damian

Was macht den Menschen zum Menschen? Was unterscheidet ihn vom Tier? Mit der Tradition werden wir sagen: Seine Rationalität, das heißt, er kann denken, nicht nur praktische Lösungen für Probleme in Raum und Zeit finden, sondern auch abstrakte Begriffe bilden und Ideen entwickeln. In diesem Sinne ist jeder Mensch Philosoph. So hat der französische Philosoph René Descartes (1596 bis 1650) gesagt: "Ich denke, also bin ich." Der Schriftsteller Hans Kruppa meint, Descartes habe nicht an sich selbst geglaubt und sich seiner Existenz durch die obige Aussage vergewissern müssen. Kruppa hält dagegen: " ,Ich denke, also bin ich', schrieb Descartes, um sich seine Existenz zu beweisen // Anscheinend glaubte er nicht an sich. // Man nennt ihn den Vater der neueren Philosophie. // Ich stamme bestimmt nicht von ihm ab. Wie könnte ich sonst schreiben: // Ich liebe, also brauche ich nichts zu beweisen."

Wer nur auf logisches Denken und klare Schlussfolgerungen setzt, wird oft enttäuscht werden. Manchmal ist es sogar zum Verzweifeln. Was ist denn schon in der Welt unter Menschen so eindeutig und glasklar, dass es von allen eingesehen und bejaht wird? Neben jeder Weltanschauung und Philosophie gibt es viele andere, die dieselben Fakten und Ereignisse anders deuten. Hier gibt es keine felsenfesten Gewissheiten. Wie steht es mit unserem religiösen Glauben? Haben wir in den Definitionen der Dogmen nicht fest umrissene Wahrheiten, an denen nicht zu rütteln ist? Ein Blick in die Theologie, also die systematische Auslegung und Darstellung der Glaubenswahrheiten, zeigt: Auch Dogmen haben ihre Geschichte und ihre bestimmten Aussagespitzen, die nur aus dem geschichtlichen Kontext zu verstehen und zu deuten sind. Unser Glaube als Aussage über Gott ist eine Annäherung an die Wahrheit, mehr nicht: Alle Aussagen über Gott in Begriffen oder Bildern sind "analog", das heißt, die Unähnlichkeit ist größer als die Ähnlichkeit. Es bleiben immer auch der Zweifel und das Abenteuer der Ungewissheit.

Anders verhält es sich mit dem Wort an und mit Gott, dem Gebet. Hier geht es um die vertrauensvolle Übergabe unser selbst an Gott. Er wird für mich zum unerschütterlichen Felsen, zum festen Grund. Ich setze meine Existenz, meine Zukunft auf ihn. Hier wird Glaube zu Hoffnung und Liebe. Wenn ich Gott und den Mitmenschen liebe, brauche ich keine andere Selbstvergewisserung. Ich brauche nichts zu beweisen. Wer liebt, der bleibt. Paulus sagt im ersten Korintherbrief: "Die Liebe hört niemals auf. Erkenntnis vergeht, denn Stückwerk ist unser Erkennen" (1 Kor 13,8-9).

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 47 des 52. Jahrgangs (im Jahr 2002).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 11.12.2002

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