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Keine Großkirche angestrebt

Kirchenpräsident sieht geplante Fusion der evangelischen Landeskirchen mit Skepsis

Dessau (epd) -Der Dessauer Kirchenpräsident Helge Klassohn hat mit Skepsis auf die angestrebte Kooperation mit den Nachbarkirchen in Sachsen- Anhalt und Thüringen reagiert.

Es reiche als Zielstellung nicht aus, dass es weniger Landeskirchen gibt oder dass große Kirchen noch größer werden, sagte Klassohn zum Auftakt der anhaltischen Landessynode in Dessau. "Wir streben keine zentralistische Einheitsund Großkirche an." Stattdessen müssten die neuen Strukturen auftragsorientiert, gemeindebezogen und flexibel sein, um die Nähe von kirchenleitender Entscheidungsebene und Gemeindepraxis in Anhalt weiterhin zu ermöglichen. Gerade die Gespräche über das Ziel der Föderation der drei mitteldeutschen Kirchen hätten sehr unterschiedliche Erwartungen ergeben, so Klassohn weiter. Während seine Landeskirche einen Kirchenverbund anstrebe, bei dem Anhalt als "gleichberechtigte Teilkirche" erhalten bleiben soll, setzten die anderen Partner auf eine Flexibilisierung sowie Öffnung ihrer Grenzen und Strukturen mit einem zentralen Kirchenamt, einer gemeinsamen Kirchenleitung und Synode. Dies erscheine im Blick auf die territoriale und kirchliche Situation Anhalts "mehr bedrohlich als aussichtsreich". Er könne deshalb nicht sehen, welchen Vorteil die Landeskirche davon haben sollte, sich über kurz oder lang "selbst abzuwickeln".

In seinem Bericht warnte der Kirchenpräsident zudem vor einem Militäreinsatz im Irak. Er hoffe und bete, dass die letzte Resolution des Weltsicherheitsrates ohne einen Krieg durchgesetzt werden könne. Ein solcher Krieg hätte für den gesamten Nahen Osten unvorhersehbare Folgen, unterstrich er weiter. Damit würden letztlich das Existenzrecht Israels gefährdet und die Herstellung eines gerechten Friedens zwischen dem israelischen und dem palästinensischen Volk für lange Zeit unmöglich gemacht.

Angesichts der großen Reformaufgaben im Land Sachsen- Anhalt und im Bund sprach sich der Kirchenpräsident für eine breite, gesamtgesellschaftliche Debatte über den Sozialstaat aus. Keinesfalls dürfe die notwendige Reformdiskussion nur als finanzpolitische Spardebatte geführt oder "im Gewirr der Einzel- und Verbandsinteressen erstickt" werden. Nicht der Sozialstaat an sich sei zu teuer, sondern die Arbeitslosigkeit, betonte Klassohn.

Auch die Kirchen würden sich als am Gemeinwohl orientierte Dialogpartner in diesen Fragen weiterhin zu Wort melden. So dürften bei aller Einsicht in die Notwendigkeit einer strikten Sparpolitik in Sachsen-Anhalt die gesamtgesellschaftlichen Aufgaben im Sozial- und Kulturbereich nicht ins Hintertreffen geraten. Als Beispiel nannte der Kirchenpräsident das "gut ausgebildete" Kinderbetreuungssystem, das auch unter wirtschaftlich schwierigen Bedingungen gesichert werden müsse.

Die Synode ist das höchste Gesetz gebende Organ der Landeskirche und besteht aus 33 gewählten und sechs von der Kirchenleitung berufenen Abgeordneten. Die 39 Synodalen vertreten 60 000 Kirchenmitglieder.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 47 des 52. Jahrgangs (im Jahr 2002).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 11.12.2002

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