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Bistum Dresden-Meißen

Hilfsaktionen durch die Hintertür

Cap Anamur-Gründer Rupert Neudeck zu Gast in der Dresdner Frauenkirche

Dresden -Die nötigen Spenden waren beschafft, ein Schiff aufgetrieben. Wäre es nach Rupert Neudeck gegangen, die erste Aktion zur Rettung vietnamesischer Bootsflüchtlinge hätte sofort starten können. Doch zuvor waren noch einige Besprechungen im Auswärtigen Amt zu absolvieren. Dort fragte ihn ein Beamter: "Sagen Sie, Herr Neudeck, wer ist eigentlich Ihr Seerechts- Referent?" Neudeck kostete es einige Geistesgegenwart, nicht ganz verdattert dreinzuschauen -dieses Wort hatte er noch nie gehört. "Für die gab es gar keinen Zweifel: In so eine Gefahrenzone wie das südchinesische Meer konnte man sich nicht ohne einen Seerechts-Referenten begeben", erzählt Neudeck in der Dresdner Frauenkirche, wohin ihn deren Pfarrer und das Kathedralforum zu einem Vortrag eingeladen haben. "Aber wenn wir den angestellt hätten, gäbe es unseren Verein Deutsche Notärzte Cap Anamur heute nicht. Denn der Referent hätte uns das Unternehmen ausgeredet." Das war 1979.

Seitdem gibt der heute 63-Jährige, der bis dahin als freier Journalist für den Deutschlandfunk gearbeitet hatte, nicht allzuviel auf die Klugheit von Experten und Diplomaten. "Es gibt viele gute Ratschläge dafür, etwas nicht zu tun. Da geht man nämlich kein Risiko ein und kann auch nichts falsch machen." Das Wort "Abenteuer" habe seit jeher einen schlechten Klang im Deutschen. "Abenteuer vermeidet man heute in unserer Gesellschaft der Tarifsicherheit und Sozialordnung."

Ähnlich war es 1994, als Cap Anamur nach Tschetschenien wollte, wo der Krieg begonnen hatte. Auswärtiges Amt und russische Regierung erklärten unisono: Das geht nicht. "Das genau ist der Zeitpunkt, wo eine Bürgerinitiative fragen muss: Geht es vielleicht doch, womöglich durch die Hintertür?" Sie flogen los und landeten in Mineralnyje Wody. Es ging also. Freilich nur mit Hilfe von Freunden, die sich dort auskannten. Und mit einigen Tricks. Ein Visum nämlich bekam man offiziell überhaupt nicht. Aber es gab ein Reisebüro, das sie besorgte. "Wir müssen Lust an der List haben, sonst kommen wir heute nicht weiter." Seine wichtigste Erkenntnis, die zugleich seine "freudige Botschaft" an diesem Abend ist, fasst Rupert Neudeck in dem Satz zusammen: "Auf dieser Welt ist mehr an Hilfe möglich als wir uns in unserer kalkulierenden Schulweisheit träumen lassen."

Denn wer einen bundesdeutschen Pass besitze und weiße Hautfarbe, genieße unter anderem das Privileg, überall auf der Welt aus Gefahrensituationen herausgeholt zu werden. Immer wieder hat er erlebt, dass Menschen mit schwarzer Hautfarbe weniger Schutz genießen, keinen Anspruch haben auf die Behandlungsmethoden der fortschrittlichen Medizin. "Das ist der Skandal. Und so lange das noch so ist, wird es in dieser Welt nicht gut gehen."

Bei seinen Aktionen hat Rupert Neudeck zudem die Erfahrung gemacht: "Ältere werden in den Einsätzen geradezu junge Spunde. Die Jüngeren, von unserer Tarif- und Sozialordnung imprägniert, wollen diese Arbeit nur selten anpacken." Cap Anamur bringt Ärzte für jeweils ein halbes Jahr zur Nothilfe in Krisengebiete. Etwa 1000 seien es insgesamt, sagt Neudeck, meist im Alter zwischen 65 und 73. "Das ist unsere subversive Masse." Der eigentliche Kern. Eingeschriebene Mitglieder habe der Verein nur sechs. "Cap Anamur lebt davon, dass es klein ist." Und natürlich von den rund 350 000 Menschen, die regelmäßig Geld spenden. Das mache die Organisation unabhängig von den "Fleischtöpfen" der Bundesregierung und der EU. Denn gelegentlich müsse Cap Anamur Aktionen starten, die die Bundesregierung nicht will.

Tomas Gärtner


CAP ANAMUR IM BUCH

Einen Rechenschaftsbericht über die 23-jährige Arbeit von Cap Anamur bei Habenichtsen in den Ländern der Dritten Welt und in Europa gibt Rupert Neudeck in seinem Buch "Die Menschenretter von Cap Anamur". Cap Anamur , seine Entstehung und das Wirken bis heute ist die zum Zerbersten spannende Geschichte von Hunderten von Ärztinnen und Ärzten, von Krankenschwestern und Krankenpflegern, von Baumeistern und Sprengexperten, von Technikern und Ingenieuren sowie von vielen deutschen Mitbürgern, auf die sich die Aktion um Rupert Neudeck immer verlassen konnte.

Rupert Neudeck:
Die Menschenretter von Cap Anamur;
C. H. Beck-Verlag; 2002;
ISBN 3-406-48879-X;
Preis: 22 Euro

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 47 des 52. Jahrgangs (im Jahr 2002).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 11.12.2002

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