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Innenansichten vom Wahlort der Päpste

Dresdner Pfarrer Prause im Gespräch mit deutschsprachige Kardinäle über die Sixtinische Kapelle

Die Erschaffung Adams: Detail aus der Sixtinischen Kapelle im Vatikan von Michelangelo Buonarroti (1475 bis 1564). Deutschsprachige Kardinäle meditieren über die berühmten Wandmalereien.

Rom (kna) -Mehr als drei Millionen Besucher besichtigen jährlich die Sixtinische Kapelle im Vatikan. An manchen Tagen schieben sich bis zu 20 000 Menschen durch den zum Weltkulturerbe deklarierten Sakralraum, überwältigt, oft erschlagen von der Flut der Farben, Formen, Figuren und Symbole in den Meisterwerken Michelangelos und anderer Renaissancekünstler. Das Dauer-Gedränge und der trotz Lautsprecher-Durchsagen immer wieder anschwellende Geräuschpegel lassen die religiöse Rolle der Sixtina als Wahlort der Päpste oft vergessen. Acht Kardinäle aus Deutschland, Österreich und der Schweiz stellen jetzt in einem Buch diese einzigartige Kapelle vor, interpretieren ihre künstlerische, theologische und kirchenpolitische Bedeutung.

Schlüsselübergabe an Petrus ist "das Wichtigste"

In Essays und Interviews mit dem Herausgeber, Monsignore Eberhard Prause aus Dresden, präsentieren die Eminenzen die sechs monumentalen Bilder des alttestamentlichen Moses-Zyklus von der linken Kapellenwand, denen rechts Ereignisse aus dem Leben Jesu entsprechen. Moses als Vorläufer Christi: Jeder Szene aus dem Leben Jesu sei "mit Bedacht eine Szene aus dem Leben des Mose gegenübergestellt", schreibt der Wiener Kardinal Christoph Schönborn. Für ihn ist die "Schlüsselübergabe" durch Jesus an Petrus künstlerisch wie inhaltlich das wichtigste Bild dieser Reihe. Der Kölner Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, meditiert über Michelangelos Deckengemälde von der Erschaffung der Welt, sein Münchener Amtsbruder Friedrich Wetter über die Darstellung von der Erschaffung des Menschen. Berlins Erzbischof Georg Sterzinsky schreibt vom Sündenfall und Vertreibung aus dem Paradies, und der Schweizer Altbischof Henri Schwery von der Sintflut. Ein Artikel des Mainzer Kardinals und Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Karl Lehmann ist dem "Jüngsten Gericht" gewidmet.

Das Buch mit dem Titel "Er lasse sein Angesicht über uns leuchten" ist eine kunsthistorische, theologische und oft sehr persönliche Ausmessung der Stätte, an der seit 450 Jahren -wahrscheinlich ab 1559 -die Päpste der katholischen Kirche gewählt werden. Die Sixtina sei eine der "genialsten Kirchen des Glaubens", mit "unglaublichen, bis ins Detail hinein schönen Fresken", eine "Glaubensschule" mit vielen theologischen Aussagen und Andeutungen, resumiert Lehmann. Für ihn stellt Michelangelos Jüngstes Gericht weniger eine "Vorausreportage" vom Weltende dar als eine letzte Warnung und Mahnung zur Umkehr, so lange sie möglich ist. Christus erscheint nicht so sehr als Weltenrichter, sondern als der Auferstehende, als der "Erstling der Entschlafenen". Das Bild beinhalte eine universale Vision.

Ähnlich deutet der jüngst verstorbene Paderborner Oberhirte Johannes Joachim Degenhardt auch Michelangelos Bilder der alttestamentlichen Propheten und antiken Sibyllen an der Kapellendecke. Sie zeigten, dass Gottes Heilswillen die gesamte Menschheit von Anfang an umfasst.

Mehr als nur den Rahmen für die Kardinals-Meditationen bilden die Expertenbeiträge vom Direktor im Vatikan-Museum, Professor Arnold Nesselrath, und vom Geistlichen Botschaftsrat und Kunstgeschichtsprofessor Max-Eugen Kemper. Nesselrath schildert, wie Papst Sixtus IV. 1482 die Gestaltung der Kapellenwände als Gemeinschaftsauftrag an ein Malerkonsortium vergab. Und wie Botticelli, Perugino, Rosselli und Ghirlandaio ihre Aufgabe binnen sieben Monaten in effizienter Kooperation lösten. Er beschreibt, wie mit Beginn der Bauarbeiten am neuen Petersdom 1506 die wichtigsten Papstzeremonien in die alte Palastkapelle verlegt wurden. 1508 bis 1512 fertigte Michelangelo dann das Deckenfresko zur Schöpfungsgeschichte, und 1534 bis 1541 das "Jüngste Gericht" -für das er drei ältere Fresken zerstören musste. Die in unterschiedlichen Pontifikaten entstandenen Bilderfolgen der Sixtina fügten sich zu einer einheitlichen Darstellung der Heilsgeschichte zusammen, so Nesselrath. Und für Kurienkardinal Walter Kasper, der den Moses- Zyklus erläutert, wurde kein Bild in der Sixtina "zufällig" gemalt. Alle gehörten zu ihrem "politischen Programm".

Die neue Halle Salomos -der Ort der Papstwahlen

Kemper zeigt die Sixtina als Ort der Papstwahlen. Hier fielen in den Konklaven die Entscheidungen über die Leitung wie über den künftigen Kurs der Kirche. Mit ihren 41 mal 13 mal 21 Metern soll sie den Maßen des Salomonischen Tempels entsprochen haben: Die Papstkapelle als "neue Halle Salomons". Neben Etappen der Konklaveordnung nennt der Beitrag auch amüsante Details: Nachdem im 16. Jahrhundert mehrfach Kardinäle zum Papst gewählt wurden, die im Konklave genau unter Peruginos "Schlüsselübergabe des Petrus" saßen, gab es Gerangel um diesen Platz. Dem Zeremonienmeister blieb nichts übrig, als die Sitze zu verlosen.

Angesichts des hohen Geräuschpegels plädiert Kemper für eine "würdigere Besichtigungsform" der Sixtina. Die Einspielung von Musik aus der Entstehungsepoche könnte den nicht unbeträchtlichen Lärm dämpfen und die Heiligkeit des Orts verdeutlichen. Die großzügig aufgemachten und mit Fotos versehenen Kardinalsmeditationen zur Sixtina sind das "Nebenprodukt" eines Fernsehfilms.

Eberhard Prause (Hrsg):
Er lasse sein Angesicht über uns leuchten.
Kardinäle meditieren Bilder der Sixtinischen Kapelle;
Herder- Verlag, Freiburg 2002,
ISBN 3-4512-7872-3, Preis: 19,90 Euro.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 45 des 52. Jahrgangs (im Jahr 2002).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 07.11.2002

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